Abschluss des Orientationtrip: Makeni und Lungi

Makeni

Wir mussten um 7 Uhr in Bo starten (was ohne Frühstück bedeutete), um bis 11 Uhr in Makeni zu sein. Dazu nahmen wir den langen Weg über Teerstraße, da die kürzere gravelroad in keinem guten Zustand sein sollte. Auf dem Weg fuhren wir nicht nur an der Hochspannungsleitung entlang, die ganz Sierra Leone, aber ganz besonders die 24h-electricity-city des früheren Präsidenten Ernest Bai Koroma, Makeni, mit Strom versorgt, sondern auch an der einzigen Eisenbahntrasse des Landes. Die ist aber nicht für den Personentransport gedacht, verbindet also auch keine Städte miteinander, sondern alleine für den Abtransport der Erze aus den Minen im Norden zu einem Hafen, der ebenfalls nur als Verladehafen von der ausländischen Minengesellschaft gebaut wurde.

Makeni ist das zweitgrösste Zentrum von SLOIC, dementsprechend war die Schülerzahl zu gross, um sie alle im Konferenzraum zu versammeln. Meine Anwesenheit hat ihnen einen freien Nachmittag beschert, was begeistert aufgenommen wurde. Daran konnten auch die tadelnden Worte von Director Ben Sei, er könne nicht verstehen, wie man sich freuen könne, wenn Unterricht ausfällt, nichts ändern. Ich habe trotzdem die spontane Idee, mich zum “Helden des freien Nachmittags” zu erklären, wieder fallen gelassen.

Director Ben Sei bei der Ansprache am Assembly-Platz MSLOI

Auffallend war, dass alle Schüler*innen in Schuluniform auf dem Assemblyplatz angetreten waren und zu Beginn die SLOIC-Hymne gesungen wurde. Sie haben sich bemüht, würden aber jeden Song-Contest gegen eine Schule in Lesotho haushoch verlieren. Die zweite Besonderheit war, dass die Schule eine stellvertretende Schulleiterin hat (wie später auch die in Lungi), die mit einem nigerianischen Reverend verheiratet ist. Da der Schulleiter selbst ein Reverend ist (welcher Kirche habe ich in beiden Fällen nicht verstanden), ist die Schule sozusagen in kirchlicher Leitung, was Ben besonders hervorhob.

Den Kochkünsten der home econimics-Abteilung dort scheint er dagegen nicht so zu trauen. Das Frühstück nahmen wir an beiden Tagen, obwohl anders angesagt, ausserhalb der Schule in Restaurants (mit SLOIC-Ausgebildeten) ein. Damit hatte ich die Chance mit Rührei, Brot und Tee die leichte Variante für den Tagesanfang zu wählen.

Mr. Gunther’s Ansprache vor dem Kollegium MSLOIC
Das Kollegium von MSLOIC

Die Rückreise von Makeni nach Freetown nutzte ich für die nächste Fahrstunde Teerstrasse. Sehr lehrreich. Das beste Beispiel dafür war das Wendemanöver eines grossen Sattelschleppers vor uns. Wir waren noch deutlich auf gerader Strecke entfernt, als er es begann.Wir als Gegenverkehr interessierten ihn nicht. Also nahm ich den Fuss vom Gas, der Lkw wendete und war in voller Länge neben der Strasse, als ich noch etwa 40m hinter ihm war. Wieder Gas geben und an ihm vorbeifahren, dachte ich. “Slo, slo, slo. He will come.”, schallte es da vom Beifahrersitz und genau so war es. Der Lkw zog einfach wieder vor uns auf die Strasse, um dann etwa 200m weiter in die vorher verpasste Einfahrt abzubiegen. Das Recht des Stärkeren steht über den Verkehrsregeln oder ist die Regel auf freier Strecke. Im Stadtverkehr hier in Freetown wird sehr rücksichtsvoll gefahren, was man am Anfang aber so gar nicht merkt, weil man nur Chaos wahrnimmt. Seit ich hier selbst fahre, verstehe ich diese eigenen Regeln immer besser.

Hier noch eine wichtige Information zum Thema „Let us ease“ – also pinkeln. Pinkelpause macht man immer innerhalb eines Dorfes an der Strecke, parkt das Auto am Strassenrand GEGEN die Fahrtrichtung, und pinkelt dort in den Strassengraben. Männer machen das so, wegen der Sicherheit, die ausserhalb der Ortschaften nicht gegeben wäre. Mangels Frauen in unserer Reisegruppe kann ich dem weiblichen Geschlecht leider keine so nützlichen Tipps geben.

Am Ortseingang von Freetown haben wir dann Ben an seinem Freetown-Haus abgesetzt und ich das Steuer an Laffel übergeben. Eine kluge Entscheidungen. Wir mussten quer durch die Stadt, weil unser Hotel am anderen Ende liegt und dazu durch den Ostteil Freetowns durch. Ich kann es nicht beschreiben. Diese Enge von Autos, Lkws, Bussen, Taxis, Kekes (Dreiradtaxis) und immer wieder aus dem Nichts auftauchenden und in die Lücken springenden Motorrad-Taxis mit Menschenmassen auf beiden Seiten der Strassen (ach was, Strässchen), mit Strassenläden (auch hier besser Strassenlädchen) links und rechts (zusätzlich), in denen alle Artikel des täglichen Lebens angeboten werden und natürlich die unzähligen Strassenverkäufer*innen, die ihre Ware auf dem Kopf balancierend direkt am Auto anbieten. Am meisten Sinn hätte die Fahrt mit einer Einkaufsliste gemacht, die man während des Stop-and-Go-Verkehrs dann hätte abarbeiten können.

So war es Samstag-Abend zurück in Family Kingdom Resort und ein freier Sonntag mit vielen Geschichten von der Rundreise für Sigi und denen aus Freetown für mich.

Lungi

Abfahrt Montag Morgen 5 Uhr, Fähre nach Lungi 8 Uhr. So stand es im Ablaufplan für das letzte und nächstgelegene Zentrum vom SLOIC. Auch das eine Besonderheit von Freetown, die wir schon bei der Ankunft erlebt hatten. Lungi ist die Halbinsel, auf der auch der internationale Flughafen von Freetown liegt. Auf dem Landweg nur sehr umständlich mit Riesenumweg zu erreichen. Deswegen gibt es einen staatlichen Fährverkehr mit Autofähren, die über libanesische und lybische Reedereien mit Unterstützung derer Regierung betrieben werden, wenn ich es richtig verstanden habe. Gesehen habe ich 3 Fähren, von denen zwei an der Reede lagen und offensichtlich repariert wurden. Bleibt also die eine und einzige Fähre, die den Betrieb noch aufrecht erhält. Damit ist natürlich auch der Fahrplan etwas ausgedünnt.

Ankunft der derzeitig einzigen einsatzbereiten Fähre nach Lungi

Afigu teilte mir deshalb um 5 Uhr mit, dass Ben angerufen habe und wir erst um 6 Uhr starten sollten, da die Fähre später fahren würde. Also nochmal eine 3/4-Stunde hinliegen, 6 Uhr Abfahrt, 7.30 Uhr Ankunft am Fährhafen und Warten auf die Fähre aus Lungi. Es war schliesslich 11.30 Uhr als alle Fahrzeuge und Passagiere auf der Fähre verstaut waren und die Fahrt begann. Wir fuhren erste Klasse, d.h. in einem klimatisierten Deck auf dem während der Fahrt Ausschnitte aus Musik-, Religions- und Dokumentations-DVDs liefen, die alle zu kaufen waren.

Ablegen der Fähre. Der DHL-Sprinter hat sich übrigens nicht verfahren, sondern gehört zum Globalplayer DHL-Group in Sierra Leone. Immer vorne in der Fähre, um gleich als Erster runter zu kommen.

Die Fahrt mit der Fähre war sehr beeindruckend. Zum ersten Mal hatte ich den Blick auf die Stadt von der Seeseite aus bei Tageslicht. Dabei wird das ganze Dilemma deutlich sichtbar. Es gibt nur einen schmalen Streifen Land, der unten am Meer liegt. In diesem Streifen spielt sich das gesamte wirtschaftliche und soziale Tagesgeschäft inklusive öffentlicher, privater und kommerzieller Verkehrsbewegungen ab. Dahinter geht es gleich zum Teil sehr steil die Berge hoch. Die ganze Ausbreitung der Stadt fand in den letzten Jahren an diesen Bergflanken statt und insbesondere während des Krieges und danach mussten immer mehr Menschen in der Stadt untergebracht werden. Die ökologischen Schäden durch die Abholzung der ursprünglich bewaldeten Berge führen immer wieder zu Erdrutschen, die im schlimmsten Fall auch eine hohe Zahl an Todesopfern wie im August 2017 fordern.

Blick auf Freetown von der Fähre aus

Die Fahrt mit der Fähre dauerte etwa eine halbe Stunde, Anlegen und Entladen in etwa genau so lange. Die Fahrt zu LSLOIC dauerte auch etwas länger, da die Orientierung in Lungi etwas schwierig war und die Befragung Ortskundiger nötig machte. Wir kamen aber noch rechtzeitig zum Mittagessen – Potatoe leaves! Und während des Mittagessens konnten wir sogar zwei grössere Flugzeuge beim Landeanflug auf Lungi International Airport beobachten. Da solche Flüge aber Seltenheitswert besitzen, ist die Lage der Schule in der Einflugschneise kein grosser Nachteil.

Das Kollegium von LSLOIC

Dagegen durfte ich in der Sitzung des Management Committees am nächsten Tag die zur Zeit grösste Herausforderung für das Zentrum kennenlernen. Die Schule besitzt, belegt durch offizielle Dokumente, das Schulgelände, das ihr von einer Familie überlassen wurde. Da das Geld für eine Umzäunung fehlt, rücken ihr jetzt verschiedene Nachbarn immer näher, und Ben befürchtet, dass die Schule in Mitleidenschaft gerät. Dies hatte eine längere Diskussion mit Erklärungen und Stellungnahmen aller Mitglieder zur Folge (meist in Krio, so dass ich nur grob folgen konnte) und dem klaren Auftrag an das Committee, die Interessen seiner Schule klar zu vertreten und die Grenzen für die Nachbarn bei Bautätigkeiten klar aufzuzeigen. Da Lungi überwiegend muslimisch geprägt ist, waren in diesem Committee neben dem Chief auch zwei Sheiks vertreten, die versicherten, ihren Einfluss in der community zu nutzen.

Management Committee LSLOIC mit Director Ben Sei

Die Zeit war durch diesen wichtigen Tagesordnungspunkt schon sehr fortgeschritten meine Vorstellung konnte kurz gehalten werden. Nichts destotrotz war die Herzlichkeit der Begrüssung und des Willkommens nicht weniger gross wie in den anderen Zentren. Dank der kurz gehaltenen Vorstellung von Mr. Gunther war noch genügend Zeit für das Mittagessen und rechtzeitiger Fahrt zur 13.30 Uhr-Fähre, die wir unbedingt erreichen wollten und auch erreichten.

Wieder angekommen in Freetown ging es zum SLOIC-office und die Orientation wurde offiziell für beendet erklärt. Am nächsten Morgen gab es zum Abschluss das staff-meeting Freetown, d.h. Director Ben, Coordination Manager Mr. Massacoi, Finance Secretary Mr. Samu, Mr. Gunther, Drivers Laffel and Afrigu, und den offiziellen Uebergang zu „business as usual“. Ich habe mein Büro bezogen und bin nach der Abreise von Ben nach Bo Teil des coordination office SLOIC, #4 Hill Street, Freetown, nicht weit entfernt vom Wahrzeichen der Stadt, dem Cotton Tree.

Ausblicke und Eindrücke aus dem SLADEA Bürofenster

Mein Büro liegt in der Sanders Street, die in der Verlängerung direkt in den Stadtkern führt. So hab ich die Gelegenheit, das pralle Leben zu sehen und auch zu hören – Puzzelteile um zu lernen und manchmal zu verstehen, wie die Menschen hier leben und was sie im wahrsten Sinne des Wortes bewegt.

Blick zur gegenüber liegenen Straßenseite

An der Stelle stehe ich immer, wenn Gunther von seinem Büro kommt und mich mit dem Auto abholt. Neulich dauerte das etwas. Ein Straßenhändler, er stellte sich als „Moses“ vor und verkauft Bonbons, erkundigte sich, wie es mir geht, bot mir Wasser an und half mir später in den Wagen. Ein Ladenbesitzer brachte mir einen Stuhl … der „Oma-Effekt“? In jedem Fall bei der Wärme angenehm :-). Einen Straßenverkäufer mit Sonnenschirm, an dem Schlüsselanhänger befestigt sind, seht ihr auf dem ‚Bild“. So vieles wird auf der Straße, in den kleinen Läden oder Ständen verkauft. Kinder kommen nach der Schule vorbei und verkaufen – zum Beispiel Bananen, ein Zubrot zum Familieneinkommen. Ihr sehr auch eine kleine Schneiderei, die ihre Produkte gleich an Ort und Stelle verkauft. Verkaufsräume sind Mangelware.

Ausblick ein paar Tage später

Ich komme montags ins Büro und mein Chef fragt mich, ob ich denn am Samstag im Büro war. Ich verneine. Er berichtet, dass am Wochenende die Polizei da war, und die beiden Läden auf der gegenüberliegenden Seite geräumt hat, auch den des Schneiders. Wir sind betreten und können nur vermuten. Sicher ist, dass der Laden geräumt wurde, weil entweder der Hausbesitzer gewechselt hat oder die Apotheke rechts daneben, in der es übrigens kostenlose Malariamedikamente gibt, die Räume für den Eigenbedarf braucht. Der Schneider war wohl Untermieter. Was der Räumung vorausgegangen ist, wissen wir nicht. Eine Kündigung wegen Eigenbedarf? Ein Zeitlimit zum Ausziehen? Ein Gerichtverfahren zwecks Räumung? Wir wissen es nicht … Die Räume werden derzeit renoviert und sind jetzt abgesperrt.

Noch eine Szene beim Abholen. Eine Demo von muslimischen Frauen zieht vorbei. Sie demonstrieren gegen die Benachteiligung von vor allem muslimischen Frauen Jobsuche und Einstellungen. Sie zeigen mir ihre Plakete, freuen sich über meine Bestärkung (Damen hoch, eine wichtige Geste hier) und möchten, dass ich mitlaufe. Würde ich gerne machen, aber kann ich nicht, weil Gunther mich bald abholt. Die Demo ist sehr beeindruckend, die Passant*innen werden über Megafon aufgeklärt und die Polizei bildet eine Escorte zur Begleitung der Demo.


Fortsetzung der Rundreise SLOIC Bo – Mattru Jong

Dienstag, 14.1.2019

Nach einer erholsamen Nacht unter dem rosa Moskitonetz im Dohas Hotel, einer kalten Dusche zum Wachwerden und einem schmackhaften Frühstück mit frischem Obst, Rührei, Würstchen und Toastbrot ging es mit dem Fahrer wieder zum SLOIC-centre zum Meeting mit dem Management Committee. Alle waren bei Ben im Büro noch beim – Frühstück: Reis, Kasava leaves mit beef und fish in Palmölsauce. Ich konnte mit Hinweis auf mein Frühstück im Hotel diese Herausforderung für meinen Magen umgehen, ohne irgendjemand damit zu brüskieren.

Das Management Committee von BSLOIC

Zum Management Committee: Hier lernte ich eine wichtige Gruppe der grundlegenden Strukturen von SLOIC kennen. SLOIC vertsteht sich als “community based program”, was Ben bei diesen Sitzungen auch immer wieder betonte. Das bedeutet, in jedem Zentrum gibt es ein solches Committee, das aus 5 Personen besteht, die aus der community (schwierig zu übersetzen, weil unsere Strukturen Gemeinde-Stadt Landkreis etc. hier nicht übertragbar sind) stammen, dort eine wichtige Rolle spielen und einen Bezug zu SLOIC haben. Die Idee dazu ist, dass ja Jugendliche aus dieser community ausgebildet werden zum Nutzen für die community, deren Mitglieder am besten wissen, was am dringendsten gebraucht wird. Ich fand diese Idee sehr überzeugend und im Management Committee mit ehemaligen Lehrer*innen, Chiefs (das sind die traditionellen Dorfoberhäupter) und anderen Honorationen auch deutlich wiedergegeben.

Nach dem etwa einstündigen Meeting passierte dann etwas für mich sehr Interessantes. Ben erklärte mir, dass ein Mitglied des Committees nicht teilnehmen konnte, weil vor kurzem sein Sohn verstorben war, und wir jetzt alle zu seinem Haus fahren werden. Dort angekommen (s.Bild oben), bemerkte ich, dass eine der Ladies aus dem Committee in ihrem farbenfrohen, traditionellen Kleid mit langem Rock uns auf einem Motorrad-Taxi gefolgt war, weil nicht alle im Auto Platz gefunden hatten. Dass einer der Männer ihr seinen Platz angeboten hätte, entspricht nicht unbedingt den traditionellen Gepflogenheiten. Beim nächsten Mal habe ich mir vorgenommen, die Augen offen zu halten und die Chance für mehr gender-sensitivity zu ergreifen.
Dass dies sehr geschätzt wird, habe ich gelernt, als ich den beiden Ladies des Committees die schwere Metalltür zum Hof des Hauses aufhielt während die Männergruppe schon vorausgeeilt war. Da meinte die ältere, ehemalige Kollegin sinngemäss: “Schau, die salone man dem, die rennen einfach voraus und kümmern sich nicht. Ich hoffe, du bist nicht in kurzer Zeit genauso”. Ich habe ihr dann versichert, dass ich so erzogen wurde und ihr immer die Türe aufhalten werde.

Das eigentlich Interessante war dann aber der Hauptgrund unseres Besuches. Die Vorstellung des Neuen aus Germany war schnell erledigt und im Mittelpunkt stand dann das Gedenken an den verstorbenen Sohn, die Beileidsbezeugungen von Ben im Namen der SLOIC-family und gemeinsame Gebete für den Verstorbenen und seine Familie. Es war sehr beeindruckend und ich fühlte mich sehr geehrt dadurch, teilnehmen zu dürfen (nicht nur als exotisches Beiwerk) und nicht im Büro von Ben vor dem Fernseher zu sitzen und auf die Rückkehr meines Chefs warten zu dürfen. Zudem, da noch ein zweiter, gleich gearteter Besuch bei einer Mitarbeiterin von SLOIC bevorstand, deren 35 Jahre alte Tochter verstorben war.

Wir hatten vor den Besuchen natürlich schon in Bens Büro zu Mittag gegessen und wollten um 15 Uhr Richtung Mattru Jong aufbrechen. Es wurde dann aber 15.45 Uhr, weil vor der Abfahrt eine “kleine” Stärkung für die Reisegruppe bei Mrs.Sei vorgesehen war.
Mein Versuch, davon wegen ausreichender Sättigung befreit zu werden, war erfolglos. “Mr. Gunther, eat!” war eine klare Ansage, insbesondere, da alle meine begleitenden “salone man dem” davon schwärmten, was für eine Besonderheit die Sauce sei, die Mrs.Sei hier zum Abschied zubereitet habe und nur wenige Frauen in der Lage seien, dies so schmackhaft hinzukriegen. Leider konnte ich das in keinster Weise nachvollziehen. Geschmack und Konsistenz dieser aus Bohnen Fisch und …. gewonnenen Sauce, hat mir überhaupt nicht zugesagt, und ich sehe es als meine bisher grösste interkulturelle Heldentat an, den Teller leer gegessen und den Mageninhalt auf der Fahrt nach Mattru Jong dort belassen zu haben, wo er sich bei der Abfahrt aus Bo auch befand. Das Abendessen in Mattru Jong, mitgebracht aus Mrs.Sei Küche, durfte ich dann aber allen hungrigen Mägen dort vor Ort überlassen und konzentrierte mich, nach einem letzten gemeinsamen Bier mit viel Schlaf unter einem hier blauen Moskitonetz, mein Verdauungssystem wieder auf Normalzustand zu bekommen.

Vorbereitungen zum Abendessen vor Bens Elternhau

Mattru Jong, 14.1.-16.1.2019

Die Formalitäten wiederholten sich, deswegen dazu nichts Neues. Ich möchte hier nur noch über die Besonderheiten der folgenden Zentren berichten.

Mattru Jong war, obwohl eine größere Stadt, der abgelegendste und ländlichste Teil unserer Reise. Auf dem Weg dorthin machten wir einen kleinen Abstecher, um das Dorf, in dem der jetzige Präsident Bio geboren wurde, zu besuchen. Das Haus, in dem er lebt, wenn nicht in Freetown oder sonst im Lande unterwegs, ist nicht zu übersehen, ebenso wie das direkt daneben stehende Elternhaus. Und auch das Dorf dürfte das einzige in Sierra Leone sein, das Straßenlaternen besitzt. LED-bestückte Solar-Laternen, wie hier üblich, wenn neue Anlagen installiert werden.
Diese Fahrt und die folgende zum Dorf, in dem Bens Mutter lebt, waren der Härtetest für meinen Magen. Die “Straßen” wären ohne die Bodenfreiheit des Land Cruisers unpassierbar gewesen und das Auf-und-Ab des Autos war einer Schiffahrt bei starkem Seegang vergleichbar.

Das Haus des Praesidenten Bio in seinem Heimatdorf und meine Reisbegleiter. Ben bemerkte positiv, dass ds Haus immer nocht Teil des Dorfes sei – keine Mauern, keine Wachen, kein Stacheldraht!
Kurzer Besuch von Bens Mutter. Sie lebt dort und nicht in Mattru Jong, weil sie hier noch jeden Tag in ihren Feldern und Palmoelplantage arbeiten kann. Ihr aeltester Sohn, Familienoberhaupt nach dem Tod des Vaters, unterstuetzt sie dabei.

In Mattru Jong, a tel God tänki nicht zu weit entfernt, waren Ben und ich in seinem Elternhaus untergebracht mit drei seiner Brüder in der Nachbarschaft. Der Jüngste durfte uns das Frühstück zubereiten (Brot mit wahlweise rohen Zwiebelringen, Wurst- und/oder Thunfisch-Konserve und Ovomaltine mit Milchpulver und Zucker. Fortuneatly für mich, unfortuneatly für Salone man kein Reis mit Palmölsauce). Da wir in Bens Geburtsort waren, hieß das, dass bereits beim Frühstück, bei der Fahrt zum SLOIC oder bei der Rückkehr am späten Nachmittag viele Leute, meist Männer, vorbeikamen oder aus dem Auto heraus zu grüßen und diverse Dinge mit ihnen zu besprechen war. In Mattru Jong wird Mende gesprochen, was für mich keinen Unterschied machte, da ich eh nichts verstand. Aber auch Mr.Smith verriet mir später, dass er als Krio, der natürlich Krio spricht, hier nichts mehr verstand.

MJSLOIC (Mattru Jong SLOIC) hat das große Glück ein großes Areal direkt an einem großen Fluß zu besitzen, wo die agriculture-Abteilung diverse Aktivitäten unterhält. Ins Auge sticht eine kleine, gut bestückte Baumschule und diverse Ölpalmen, die auf dem Gelände angepflanzt sind. Bis in 5 Jahren soll die Ernte zu Palmöl verarbeitet werden und dem Zentrum zusätzliche Einnahmen wie die Baumschule verschaffen.

Mattru Jong. Am Ufer wird Flussand gelagert und Baumaterial produziert. Dahinter Felder und Oelpalmen der agriculture-Abteilung (schwer zu erkennen, aber ich habe sie gesehen, ich schwoere!)

Gleiches war mit einem Boot geplant, das die Bootsbauer des Zentrums für SLOIC gebaut haben. Dass es tatsächlich einsatzbereit ist, durfte ich auf einer kurzen Bootsfahrt für die Besuchergruppe erfahren, die ohne mich sicher nicht stattgefunden hätte. Ob das Boot regelmäßig unterwegs ist und zur Finanzierung des Zentrums beiträgt, bezweifle ich eher, wenn ich die Länge der Vorbereitung für die kurze Ausfahrt bedenke. Aber Vorsicht, hier können falsche, kulturell bedingte Maßstäbe schnell zu Fehleinschätzungen führen. Die Bootsbesatzung jedenfalls war sehr sicher im Navigieren und Steuern des Boots.

Das Boot.
Die Kreuzfahrt-Teilnehmer

Besonders wohl gefühlt habe ich mich dort auch, weil nach den offiziellen Terminen wir alle unter dem großen Baum vor dem, Schulgebäude saßen und das Essen der homeconomics-Abteilung genießen durften. Danach wqurde die Anwesenheit des Directors noch genutzt, um ein paar wichtige interne Dinge zu besprechen. Aber dann war es Hin und Her mit einer sich steigernden Ausgelassenheit und ansteckenden Lachen zwischen Kollegium, Schulleitung und Director, dass ich gar nicht anders konnte, als mitzulachen. Insbesondere, wenn Ben mir eine kurze Zusammenfassung in Englisch gab.

Der grosse, schattenspendende Baum vor MJSLOIC

Die Rückfahrt nach Bo nutzte ich dann, um meine ersten Fahrstunden auf Sierra Leones gravelroads unter Bens Anleitung zu nehmen. Das war sehr hilfreich, weil er wirklich alles nur Denkbare vorhersieht und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen beim Fahren einhält. Zunächst kam des öfteren ein slo-slo mit Erklärung vom Beifahrersitz, später mit zunehmenden Vertrauen gab er mir nur noch entsprechende Handzeichen.

African Dishes (Sierra Leone)

Weil ich auf meiner Orientierungsreise zu den SLOIC-Zentren “schwer” mit traditionellem Essen zu tun hatte (manchmal im wörtlichen Sinne), möchte ich hier einen kurzen Überblick geben, was wir in unseren ersten 3 Wochen schon alles kennengelernt haben.

Wichtig ist immer ein Berg Reis, gerne auch schon zum Frühstück. Es gibt verschiedene Sorten, teilweise deutlich zu erkennen an der Korngrösse oder Konsistenz, so richtig den Ueberblick haben wir aber noch nicht.

Reis wird auch in Sierra Leone angebaut. Wenn ich es richtig gesehen habe, aber im Trockenanbau und nicht in den wasserüberfluteten Feldern, die wir von Bildern aus Asien kennen. Ben sagte mir, dass vor Jahren Sierra Leone Reis an die Nachbarländer exportiert hat, diese Exporte aber zum Erliegen gekommen sind. Ich vermute, dass die Importe aus Asien deutlich preisgünstiger zu haben sind.

Ben spricht von sich gerne als einem “cultural man”, d.h. den Traditionen verpflichtet.

Mr. Smith sagte einmal in der Krio-Lesson, die er mir beim Warten auf die Fähre nach Lungi gab, “Mr.Ben na fat man”. Dabei ist na keine Verneinung sondern eine Bestätigung. Und dementsprechend isst er gerne und viel. Dass die Beschreibung einer Person als fett in Deutschland eher eine Beleidigung wäre, fand Mr. Smith sehr lustig. Wie überhaupt hier sehr viel und ansteckend gelacht wird. Ich würde gerne die Spässe, die da übereinander ohne böse Absichten gemacht werden, verstehen.

Aber eigentlich wollte ich ja was zu den African Dishes schreiben.
Dadurch, dass wir die erste Woche beide mit Ben unterwegs waren, haben wir gleich die traditionellen Gerichte, die es in jedem Restaurant gibt, essen können. Mit Ben ging es nämlich in die kleinen, traditionellen Strassenrestaurants, die wir ohne ihn nie gefunden hätten.

No.1: Kassava leafs oder kasada lifs

No.2: Potatoe leafs oder pätätä lifs

Hier werden die Blätter der Kassava- Pflanze (No.1) oder der Süsskartoffel (No.2) kleingeschnitten und mit Zwiebeln, Bohnen, …., Chilischoten und Palmöl angebraten. Dazu kommt Fleisch jeder Art und/oder gebratener Fisch (Red Snapper gab es sehr oft).

Korrigiere: Kein Schweinefleisch! Muslime können sicher sein, dass sie niemals Schweinefleisch vorgesetzt bekommen. Auch das ist sehr beeindruckend, wie tolerant und rücksichtsvoll die Religionen miteinander umgehen. Bei offiziellen Anlässen werden grundsätzlich christliche und muslimische Gebete gesprochen und Geschäfte erst betreten, wenn die muslimischen Besitzer zur Gebetszeit ihr Gebet beendet haben.

Zurück zum Essen: Serviert wird eine Schüssel Reis, die auf den Teller umgedreht wird, so dass ein kleines Reis-Iglu vor einem steht. In einer zweiten Schüssel gibt es das Gemüse-Fleisch-Plamölsauce-Gemisch, das man nach Bedarf dem Reis untermischt. Eine Flasche Wasser oder Wasser in den berühmten Plastikbeuteln dazu ist obligatorisch (insbesondere für mich, aber so langsam gewöhne ich mich an die Schärfe). Softdrinks der global agierenden Anbieter oder Bier sind etwas Besonderes.

Apropos Bier: Es gibt mehrere Sorten, auch aus Sierra Leone. Wir haben uns auf Star Beer festgelegt, das es neben der 0,33l-Flasche auch als “long wait” in der 0,6l-Flasche gibt. Nicht, weil man länger warten muss, bis es gebracht wird, sondern bis es getrunken ist. Mützig ist eine zweite Sorte, die für unseren Geschmack zu malzig schmeckt.

Daneben findet man natürlich auch die internationalen Marken wie Guinness, Heineken, Becks alkoholfrei (!) …. .

Statt Reis kann es zu diesen Gerichten auch Fufu als Beilage geben. Fufu gibt es in den Versionen “sour” und “bitter”. Es wird aus der Kassava- , der Yam-Knolle oder der Kochbanana (plantain) hergestellt und ist in der Herstellung mit unserem Kartoffelbrei vergleichbar. Allerdings ist die Konsistenz des Kassava-Fufus, das ich in der Version sour gegessen habe, deutlich fester und kompakter als Kartoffelbrei. Traditionell wird eine kleine Kugel Fufu in die Sauce getaucht oder so platt gedrueckt, dass damit Fleisch und Gemuese aufgenommen werden koennen. Das heisst dann mit der rechten (!) Hand essen, die linke ist als die fuer Muslime unreine Hand tabu. Das haben wir aber noch nie so erlebt.

Ich würde Reis vorziehen, aber nach nur einmal Probieren, kann ich das noch nicht endgültig sagen. Der säuerliche Geschmack ist jedenfalls was ganz eigenes.

Schliesslich noch ein Gericht aus unserer bisherigen kulinarischen Erlebnisreise:

No.3 groundnut-soup

Zum Glück waren wir mit einer unserer Kolleginnen hier unterwegs, die mir sagen konnte, dass es sich hier nicht um eine Suppe handelt. Es ist vielmehr eine dicke Erdnuss-Sauce, die auch mit grünen Gemüseblättern (was immer zur Hand ist) angereichert und wie gehabt zum Reis-Iglu serviert wird. Mein Lieblingsessen bisher (vielleicht auch, weil es in Variation auch aus Lesotho bekannt ist), aber leider viel seltener auf der Speisekarte zu finden.

Muessig zu erwähnen, dass es hier in jedem Hotel selbstverständlich ein Restaurant gibt, das “european food” anbietet. Also Steaks, Fisch, Salate, Pommes frites, Burger, Pizza, Pasta mit Tomatensauce etc. . Und: Hummer, speziell hier nahe des Fisch-Markts der lokalen Fischer am Lumley-Beach. Sigi hat sich am Wochenende einen der Sorte “large” im Papaya Restaurant unseres Hotels gegönnt und die Woche über auch redlich verdient.

Und hier noch eine Ergänzung aus Lovettas Kitchen diese Woche. Ein etwas grösseres Restaurant gleich um die Ecke von SLADEA mit wechselnden African Dishes („look at the black board“) aber auch Gegrilltes oder Fisch mit Pommes Frites, Salat etc. .

No.4 stew okra

Das Prinzip bleibt gleich, die Sauce und ihre Zusammensetzung ist das Entscheidende. In diesem Fall sind Fleisch UND Fisch, hier im Land keine ungewöhnliche Kombination zusammen, mit Gewürzen, grünem Gemüse und Palmöl die Grundlagen. Sigi hat es ausprobiert, bei Fisch kriegt sie immer leuchtende Augen. Ihre standhaften Versuche, eine kleine Portion Reis zu bestellen, waren bisher durchweg erfolglos. So etwas existiert hier in Sierra Leone einfach nicht.

Gunther Thabo Dauda

Friedensnobelpreistraeger Dr. Denis Mukwege

Ich sitze heute morgen, den 31.1.2019, an meinem Schreibtisch und versuche Ordnung in meine e-mails zu bekommen.

Eine davon ist der Hinweis auf eine geteilte facebook-Nachricht.

Ihr solltet sie euch unbedingt anhoeren, wenn ihr es nicht eh schon gemacht habt.

Habe ich gedacht, der link auf die Audio-Botschaft funktioniert aber leider nicht mehr. Dann solltet ihr die Rede wenigstens lesen, dann habt ihr sie auch im Ganzen. Die Audio-Botschaft begann dort, wo er von seiner Heimat als einem der reichsten Laender der Welt spricht.

https://www.nobelprize.org/prizes/peace/2018/mukwege/55721-denis-mukwege-nobel-lecture-2//

Gunther Thabo Dauda (ich habe zu meinem Sesotho-Namen jetzt auch einen Krio-Namen dazu bekommen)

 

Und nach hartnaeckiger Suche habe ich jetzt auch den richtigen link zur Video-Botschaft mit der vollstaendigen Rede gefunden.

https://www.nobelprize.org/prizes/peace/2018/mukwege/lecture/

 

Orientationtrip zum Sierra Leone Opportunities Industrialization Centre in Bo

Meine Orientierungsreise zu den Berufsbildungszentren von SLOIC begann am Sonntag, 13.1.2019 (Foto mit Ben Ali Sei, meinem Chef, kurz vor der Abfahrt). Die erste Etappe hatte Bo und das Bo Sierra Leone Opportunities Industrialization Centre zum Ziel

Die Abfahrt war um 14 Uhr geplant, aber um 13 Uhr kam der Anruf von Ben, dass es 17 Uhr wird. Damit war klar, dass wir niemals bei Tageslicht Bo erreichen würden.
Am Ende verließen wir Family Kingdom Resort und Sigi um 17.45 Uhr mit Director Ben Sei, Finance Secretary Mr. Smith, Program Manager Mr. Bokafallo, Seconded Personel Mr. Gunther und Fahrer Laffel.

Die Orientation begann also mit Verletzung einer der Sicherheitsregeln aus unserem Kurs in Bonn-Röttgen: Niemals bei Nacht fahren. Aussteigen oder nicht Mitfahren ging aber auch nicht. Deswegen vertraute ich darauf, dass ausser mir 3 weitere Familienväter im Auto sassen, die, inklusive Fahrer, alle keine Lust hatten, in dieser Nacht in einen Unfall verwickelt zu werden und den Weg nach Bo auch blind finden würden. Schnell zeigte sich dann auch, dass Ben sehr viel Wert auf sicheres Fahren legt (nicht nur, weil er weiss, welchen Wert das Auto für SLOIC darstellt). Seine Fahrer dürfen nie schneller als 80 km/h, die erlaubte Hoechstgeschwindigkeit außerhalb von Ortschaften, fahren; vor Kurven und bei Fahrten durch Dörfer, die an der Strecke liegen, grundsätzlich Fuss vom Gas, weil man nie weiss, was passieren wird.

Die Strasse nach Bo ist, wenn man im Moment von einer großen Baustelle innerhalb Freetowns absieht, durchgehend Teerstrasse mit teilweise kilometerlangen, bolzgeraden Abschnitten. Auf dem Weg passiert man etwa 4 groessere Junctions, wo Strassen in andere Hauptrichtungen abzweigen. An diesen Verkehrsknotenpunkten gibt es auch spät in der Nacht ein Gewusel von Motorrad-, Dreirad-, Kfz-Taxis, Kleinbussen und Linienbussen und Lkws.

Am letzten dieser Märkte innerhalb der Stadtgrenzen von Freetown hielten wir noch mal kurz an, weil Ben noch Besorgungen für seine Familie machen wollte. Das Auto war sofort umringt von Strassenverkäufer*innen, die ihre Waren meist in grossen Platikschüsseln auf dem Kopf tragen. Ben orderte vom Auto aus Kasava-Bread und andere Lebensmittel, alles wurde zu uns nach hinten durchgereicht und wir verstauten es im Gepäckraum des Toyota Landcruiser. Schliesslich gab es noch Trinkwasser für alle Mitreisenden, es wurde zusammen gebetet und die Reise wurde fortgesetzt.

Inzwischen war es dunkel geworden und die Gründe, warum man nachts nicht fahren soll, wurden offensichtlich. Es gibt keine Strassenbeleuchtung oder wenigstens Markierungen, Seiten- oder Mittelstreifen, an denen man sich orientieren könnte. Und die Beleuchtung der Fahrzeuge ist abenteuerlich. Von gar nicht vorhanden über trübe Funzeln bis verstärkt durch diverse LED-Lichtbalken gibt es alles, was denkbar ist. Und wenn sie technisch einwandfrei ist, dann wird aus guten Gründen solange mit Aufblendlicht gefahren, bis der Gegenverkehr aufgibt und abblendet.
Laffel hat das alles bravourös gemeistert und uns sicher nach Bo gebracht. Für mich war klar, dassSigi und ich eine solche Fahrt niemals mit unseren Fahrzeugen wiederholen werden.

Es gibt noch eine Besonderheit, die diese Strasse aus Freetown heraus einmalig macht. Ich glaube fast, weltweit einmalig.
Man muss wissen, es gibt keinen anderen Weg aus Freetown heraus. Der ganze Straßenverkehr, wohin auch immer in Sierra Leone, muss diesen Weg nutzen. Vielleicht ergibt das auch eine Vorstellung davon, wieviele Fahrzeuge aller Art hier unterwegs sind. Dementsprechend ist die zweispurige Fahrbahn ausgelastet und es ist sicher eine gute Idee, diese Strasse auszubauen und neu zu planen.

Das machen die Chinesen, wie so vieles in Afrika und anderswo. Und jetzt kommt der Clou: Die neue Strasse gibt es noch nicht. Was es aber gibt: 3 superschicke Tollgates in wenigen Kilometern Abstand, wie man sie von franzoesischen Autobahnen kennt, mit superschick uniformiertem Personal, das Tag und Nacht Gebühren kassiert. Pro Gate bezahlt man 4000 Leone, ca. 45 ct, fuer Gütertransport und Taxis deutlich mehr.
Laut Ben hat die chinesische Regierung das Recht erhalten, die naechsten 27 Jahre die Gebühren zu erheben. Wann die neue Strasse fertig sein wird, weiss man dagegen noch nicht so genau. Immerhin wird an ihr schon gebaut.

Fortsetzung folgt! Gunther

Bo – SLOIC Headquarter

Bo ist die zweitgrößte Stadt in Sierra Leone. Neben dem Ausbildungszentrum von SLOIC ist dort auch Bens Büro, the National Headquarter of SLOIC. D.h., er lebt dort mit seiner Familie, und nachdem ich im Dohas Hotel eingecheckt hatte, ging es um 21.45 Uhr gleich weiter zu ihm nach Hause. Nach einer herzlichen Begruessung durch die ganze Familie gab es dann fuer die 4 weit gereisten Männer das schon vorbereitete Abendessen mit Salaten, Kochbananen, Hühnchen und Fisch samt Getränken. Danach wurde ich in das Hotel zurückgebracht. Wo die anderen Personen untergebracht waren, habe ich während der ganzen Reise nie erfahren.

Familie Sei. Die älteste Tochter, die studiert, ist nicht auf dem Bild.

Interessant fur mich war, dass gleich bei unserer Ankunft eine der jungen Hotelangestellten aus dem Service auf Ben zukam und ihn herzlich begrüßte. Es war eine der SLOIC-trainees, die nach ihrerm Abschluss am Ausbildungszentrum an diesem Hotel eine Anstellung gefunden hatte.

Um 10 Uhr war dann staff-meeting angesetzt und ich durfte Ben in seiner offiziellen Rolle als Director erleben. Das meeting dauerte 2 Stunden mit Klärung der Kooperation SLOIC – Brot für die Welt und der Einordnung in die Arbeit der staatlich anerkannten Ausbildungsstätte und deren Unterstützung durch die Regierung Sierra Leones. Ebenso die Information über meinen Status als Kollege, aber dem Director zu- und untergeordnet, und die, nach Bens Aussage, in Afrika weit verbreitete Annahme: Weiße bringen immer Geld, Weisse wissen alles, Weisse loesen alle Probleme, wenn ich ihnen nur sage, was mir alles bei SLOIC nicht gefällt.
Dabei nahm er immer wieder Bezug auf Erfahrungen, die SLOIC und mehrere der noch arbeitenden Kolleg*innen in der Vergangenheit mit Vorgängern gemacht hatten.

Das, was ich hier für Bo schildere, hat sich später an allen 3 weiteren Zentren wiederholt, logisch. Der Anlass unseres Besuchs war ja in allen 4 Zentren derselbe. Ich war zunaechst erst mal überrascht, weil diese Vorerfahrungen vorher nie zur Sprache gekommen waren, hatte dann aber schnell für mich eine Strategie gefunden, wie ich darauf antworten würde. Die Chronologie sah aber erst mal die Begrüßung durch den Training Manager, sozusagen der Schulleiter, und den Program Manager für Gesamt-SLOIC vor. Danach stellte sich jede Kolleg*in aber auch Sekretär*innen, Hausmeister, Fahrer …., alle die am Zentrum arbeiten und am meeting auch teilgenommen hatten, mit Namen und Funktion vor.
Eigentlich hatte in diesem Moment meine Disorientation mehr zugenommen als die Orientation, aber solche Erlebnisse bieten eine wunderbare Grundlage, unsere gewohnten Vorgehensweisen mit denen hier in Sierra Leone zu vergleichen und daraus Schlüsse zu ziehen.

Ich musste mich dann für meine kurze Vorstellungsrede auch überhaupt nicht verstellen, sondern konnte in Erwiderung auf die möglichen Bedenken aufgrund der nicht so guten Voererfahrungen aus voller Überzeugung darauf verweisen, dass ich mich als Kollege und Teil des Teams, als Teil der SLOIC-Familie sehe. Dass ich gekommen bin, um dazu beizutragen, dass wir voneinander lernen, und dazu die Unterstützung des Kollegiums brauche. Together we help ourselves – auf dieses Motto von SLOIC hatte eine der Kolleg*innen bereits hingewiesen, besser konnte ich es nicht sagen.

Das Kollegium von BSLOIC-Bo Sierra Leone Opportunities Industrialisation Centre

Was kam nach dem meeting? Richtig: Essen. Das von Mrs. Sei vorbereitete Essen wurde vom Fahrer aus dem Familiendomizil von Ben an die Schule gebracht und dort im Büro von Ben serviert. Danach Rundgang durch das Zentrum. Da war aber gerade Mittagspause und deswegen fand kein Unterricht statt. Schliesslich zum Abschluss noch ein Abstecher an den Ableger der Schule am Ortsrand mit Wiederholung des Programms im Kurzformat. Die Besonderheit dort: Um wirklich alle trainees bei der Vorstellung des Neuen von Germany/Bread for the world durch den Direktor dabei zu haben, wurde eine Klasse, die gerade dabei war, ihr Examen zu schreiben, aus dem Klassenzimmer geholt und durfte anschliessend (nach etwa 1 Stunde) weiterschreiben.

Dohas Hotel Bo – erstes Haus am Platze mit rosa Moskitonetzen

Damit hatten wir alle Pflichten erledigt und uns eine Pause verdient. Nach einer Mittagspause im Hotel habe ich die Gelegenheit genutzt und am Nachmittag und Abend eine deutsche Familie in Bo besucht, mit denen wir schon in Deutschland e-mail-Kontakt hatten und die uns da schon herzlich eingeladen haben. Sie arbeiten für die methodistische Kirche in Zusammenarbeit mit Brot für die Welt im Themenfeld Sexualaufklärung an Schulen der methodistischen Kirche in Bo. Sierra Leone hat eine der höchsten Raten von Teenager-Schwangerschaften in Afrika.

Fortsetzung folgt. Gunther

EPiZ – SLADEA Alltag

Mein 2. offizieller Arbeitstag in unserem Büro, ich wage erste vergleichende Eindrücke.

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Ich fühle mich ans EPiZ erinnert und zu Hause, weil
das Büro im 1. Stock liegt (Foto oben, Blick aus meinem Fenster auf die Sanders Street) , alle offene Türen haben, wir uns als Familie begreifen und uns gegenseitig helfen (im Moment die anderen mir), morgens erst mal ein Rundgang durch alle Zimmer angesagt ist, um alle zu begrüßen, es zugeht wie in einem Bienenkorb, es eine kleine Bibliothek für uns und eine Infothek für die Öffentlichkeit gibt, ich immer wieder meinen Schlüssel suche und andere dabei helfen, ich im Hof rauchen darf – es reduziert sich allerdings auf halbe Zigis, weil es so heiß ist, SLADEA jedes Jahr einen Kalender produziert und der EPiZ Kalender in meinem und im Büro des Chefs hängt .,.
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Vor allem an mees & zacke: Auch die 6-eckige ‚Tischdecke“ aus dem Globales Lernen Toolkit hängt an der Wand und kam sehr gut als Gastgeschenk an :-). Ich werde sie benutzen, den Ecken neue Bedeutungen zuschreiben und Module dazu entwickeln …

Es ist anders, denn ich trage nur Verantwortung für mein Projekt und folge meinem sehr netten Chef Bamike 🙂 bisher sehr gerne (leider etwas fotoscheu). Unsere Klassenzimmer sind weit im Land verstreut und hier in Freetown gibt es keines. Freu mich schon auf die Rundreise …

Fotos sind jetzt drin :-). Das Titelfoto zeigt unser Team bei einer Geburtstagsfeier (in Bildmitte des Bildes am Anfrag des Blogs unser Geburtstagsagskind, der Financial Officer).
Bis bald
Sigi
Auf der Geburtstagsfeier mit Glückwünschen umrahmt von Beten
und Singen vor unserer Fotowand
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Sierra Leone Adult Education Association SLADEA

Dienstag, 15.1.: Wir fahren auf einer sehr belebten Straße in die Innenstadt und erreichen 90, Sanders Street (auf der website http://www.openstreetmap.org könnt ihr einen sehr detaillierten Stadtplan von Freetown anschauen). Der schmale Parkplatz vor dem „Adult Education House„, in dem SLADEA zusammen mit einem Netzwerk von Erwachsenenbildungsorganisationen untergebracht ist, flößt mir Respekt ein. Unser Fahrer ist jedoch sicher „Ich weiß, du schaffst das.“ Oder er kommt und parkt für mich ein.

Bamike (mein Chef) und ich wandern durch die Bürozimmer um alle zu begrüßen. Die „fre*ndli we*lco*m“ setzt sich fort (Bedeutung der Sternchen siehe vorheriger Blog). Um die Mittagszeit werde ich überredet, wenigstens eine Banane zu essen ;-). Das Team besteht aus dem Geschäftsführer, Hausmeister, 2 Sekretätinnen, 2 Buchhaltern, 2 Projektmanagern, einem Freiwilligen, der dokumentiert und Filme macht, 2 Fahrern und jetzt auch mir :-). Meine Rolle ist „skills development officer“. Was dahinter genau steckt, wird sich sicher ergeben. Auf jeden Falls spürich den spirit der SLADEA Family, was mich an EPiZ oder DEAB erinnert. Auch die Geschäftigkeit, es gibt zumindest an diesem ersten Tag wenig Zeit zum Plaudern, denn ein Auditor ist da und Papiere wandern von Raum zu Raum zur Prüfung, auch etwas Bekanntes.

Sanderst Street ist das Hauptquartier, die eigentliche Musik (basic education and vocational skills training) spielt in den „branches“ – 6 Zentren der Berufsbildung (3-jährige Ausbildung Töpfern, Weben, Schneidern, Catering, Backen und Schweißen) und außerdem in 5 weiteren Orten, in denen Veranstaltungen und Kurse über critical civic awareness, cultural knowledge, environmental awareness, literacy und numeracy stattfinden.

Das darf ich alles in den nächsten Wochen während der Orientierung kennen lernen. Nachmittags ein kleiner Vorgeschmack: An einer staatlichen Schule werden von SLADEA und anderen Organisationen in Liberia und Ghana produzierte Kurzfilme gezeigt „All on Board“ heißt die DVD (gerade fertig gewerden, sicher bald über http://www.weltfilme.org zu beziehen). Es geht darum, durch Beispiele (fiktiv oder dokumentarisch) dazu anzuregen, sich für marginalisierte Gruppen der Gesellschaft einzusetzen.

Am selben Tag darf ich auch noch den Präsidenten (Vorstand) von SLADEA kennen: Prof. Joe A.D Alie. Er lehrt Geschichte am der Fourbah Bay College, University of Sierra Leone. Sein neuestes Buch „A New History of Sierra Leone“ hab ich geschenkt bekommen. Die Erwartungen an mich sind, „fresh ideas“, entwickelt mit allen Beteiligten (Schüler*innen, Lerher*innen, Board) in die Arbeit von SLADEA ein zu bringen. Die Vereinbarung ist, dass der Verein entscheidet, was davon in Projekten umgesetzt wird (das darf ich dann begleiten) und ich bekomme Feedback, wenn ich Dinge sage oder tue, die nicht in den kulturellen Kontext von Sierra Leone passen.

Das gibt mir im Moment das Gefühl, dass ich gut zu SLADEA passe und bin ganz gespannt wie sich meine Tätigkeit entwickelt – „slo, slo“ = gradually.

Sigi

Kabo to Krio

Willkommen zu Krio :-). 90 % der Menschen in Sierra Leone (Salone in Krio) sprechen diese Cocktailsprache (eine lingua franca in Salone).

Cocktailsprachen sind Sprachen, die Wurzeln in vielen Sprachen haben, wie bespielsweise auch Creole. Krio hat viele Ähnlichkeiten mit Englisch, aber auch Portugiesisch und vielen afrikanischen Sprachen. Krio geht zurück bis ins 15. Jahrhundert und wurde geprägt von der Kolonialgeschichte. Das ist jedoch eine andere Story.

Das Bild (das Tor unseres Hotels) ist ein Symbol dafür, dass Krio für uns ein Türöffner ist, wenn immer wir Leute kennen lernen. Vielleicht auch für euch, falls ihr uns besucht?

Deshalb geht es jetzt los mit ersten wichtigen Begriffen. Dazu wenige Vorbemerkungen zur Schreibweise: Vokale – Das e kommt in zwei Ausführungen daher, das e wie in Französisch né, und das e* wie in Englisch get (es hat ein besonderes Zeiten, das ich hier auf der Tastatur nicht habe, deshalb das Sternchen); das o auch, o wie in Französisch mot und das o* wie in Englisch hot; a, i, u wie im Deutschen. Diphtongs sind aw wie in Englisch ow; ay wie in Englisch i; das o*y wie in Englisch oi. Mehr später.

Lektion 1: Begrüßung und Abschied:

Hello! – Kushe*! (sh wie im Englischen)
Welcome! – Kabo!
How are you? – Ayudu? Aw di bodi?
I am well. – A fayn. Oder ausführlicher: A te*l Go*d te*nki, a de fayn.
(Wörtlich: I tell God thank you, I am fine.)
I am not so well. – A no* de du fayn.
Bye bye. – Ta-ta.
See you again. – We go si bak.
(Wörtlich : We will see us again.)

Lektion 2: Danke sagen

Thank you. – Te*nki. Oder verstärkt: Te*nki o.
Thank you very much. – Te*nki, te*nki. Oder: plenti te*nki.
You are welcome! – No* me*nsho*n. Oder: We*lco*m.

So, das reicht fürs Erste.
Eine Frage an euch: Was heißt wohl: „A kin to*k smo*l smo*l Krio“ ?

Wi go si bak :-).