Makeni
Wir mussten um 7 Uhr in Bo starten (was ohne Frühstück bedeutete), um bis 11 Uhr in Makeni zu sein. Dazu nahmen wir den langen Weg über Teerstraße, da die kürzere gravelroad in keinem guten Zustand sein sollte. Auf dem Weg fuhren wir nicht nur an der Hochspannungsleitung entlang, die ganz Sierra Leone, aber ganz besonders die 24h-electricity-city des früheren Präsidenten Ernest Bai Koroma, Makeni, mit Strom versorgt, sondern auch an der einzigen Eisenbahntrasse des Landes. Die ist aber nicht für den Personentransport gedacht, verbindet also auch keine Städte miteinander, sondern alleine für den Abtransport der Erze aus den Minen im Norden zu einem Hafen, der ebenfalls nur als Verladehafen von der ausländischen Minengesellschaft gebaut wurde.
Makeni ist das zweitgrösste Zentrum von SLOIC, dementsprechend war die Schülerzahl zu gross, um sie alle im Konferenzraum zu versammeln. Meine Anwesenheit hat ihnen einen freien Nachmittag beschert, was begeistert aufgenommen wurde. Daran konnten auch die tadelnden Worte von Director Ben Sei, er könne nicht verstehen, wie man sich freuen könne, wenn Unterricht ausfällt, nichts ändern. Ich habe trotzdem die spontane Idee, mich zum “Helden des freien Nachmittags” zu erklären, wieder fallen gelassen.

Auffallend war, dass alle Schüler*innen in Schuluniform auf dem Assemblyplatz angetreten waren und zu Beginn die SLOIC-Hymne gesungen wurde. Sie haben sich bemüht, würden aber jeden Song-Contest gegen eine Schule in Lesotho haushoch verlieren. Die zweite Besonderheit war, dass die Schule eine stellvertretende Schulleiterin hat (wie später auch die in Lungi), die mit einem nigerianischen Reverend verheiratet ist. Da der Schulleiter selbst ein Reverend ist (welcher Kirche habe ich in beiden Fällen nicht verstanden), ist die Schule sozusagen in kirchlicher Leitung, was Ben besonders hervorhob.
Den Kochkünsten der home econimics-Abteilung dort scheint er dagegen nicht so zu trauen. Das Frühstück nahmen wir an beiden Tagen, obwohl anders angesagt, ausserhalb der Schule in Restaurants (mit SLOIC-Ausgebildeten) ein. Damit hatte ich die Chance mit Rührei, Brot und Tee die leichte Variante für den Tagesanfang zu wählen.


Die Rückreise von Makeni nach Freetown nutzte ich für die nächste Fahrstunde Teerstrasse. Sehr lehrreich. Das beste Beispiel dafür war das Wendemanöver eines grossen Sattelschleppers vor uns. Wir waren noch deutlich auf gerader Strecke entfernt, als er es begann.Wir als Gegenverkehr interessierten ihn nicht. Also nahm ich den Fuss vom Gas, der Lkw wendete und war in voller Länge neben der Strasse, als ich noch etwa 40m hinter ihm war. Wieder Gas geben und an ihm vorbeifahren, dachte ich. “Slo, slo, slo. He will come.”, schallte es da vom Beifahrersitz und genau so war es. Der Lkw zog einfach wieder vor uns auf die Strasse, um dann etwa 200m weiter in die vorher verpasste Einfahrt abzubiegen. Das Recht des Stärkeren steht über den Verkehrsregeln oder ist die Regel auf freier Strecke. Im Stadtverkehr hier in Freetown wird sehr rücksichtsvoll gefahren, was man am Anfang aber so gar nicht merkt, weil man nur Chaos wahrnimmt. Seit ich hier selbst fahre, verstehe ich diese eigenen Regeln immer besser.
Hier noch eine wichtige Information zum Thema „Let us ease“ – also pinkeln. Pinkelpause macht man immer innerhalb eines Dorfes an der Strecke, parkt das Auto am Strassenrand GEGEN die Fahrtrichtung, und pinkelt dort in den Strassengraben. Männer machen das so, wegen der Sicherheit, die ausserhalb der Ortschaften nicht gegeben wäre. Mangels Frauen in unserer Reisegruppe kann ich dem weiblichen Geschlecht leider keine so nützlichen Tipps geben.
Am Ortseingang von Freetown haben wir dann Ben an seinem Freetown-Haus abgesetzt und ich das Steuer an Laffel übergeben. Eine kluge Entscheidungen. Wir mussten quer durch die Stadt, weil unser Hotel am anderen Ende liegt und dazu durch den Ostteil Freetowns durch. Ich kann es nicht beschreiben. Diese Enge von Autos, Lkws, Bussen, Taxis, Kekes (Dreiradtaxis) und immer wieder aus dem Nichts auftauchenden und in die Lücken springenden Motorrad-Taxis mit Menschenmassen auf beiden Seiten der Strassen (ach was, Strässchen), mit Strassenläden (auch hier besser Strassenlädchen) links und rechts (zusätzlich), in denen alle Artikel des täglichen Lebens angeboten werden und natürlich die unzähligen Strassenverkäufer*innen, die ihre Ware auf dem Kopf balancierend direkt am Auto anbieten. Am meisten Sinn hätte die Fahrt mit einer Einkaufsliste gemacht, die man während des Stop-and-Go-Verkehrs dann hätte abarbeiten können.
So war es Samstag-Abend zurück in Family Kingdom Resort und ein freier Sonntag mit vielen Geschichten von der Rundreise für Sigi und denen aus Freetown für mich.
Lungi
Abfahrt Montag Morgen 5 Uhr, Fähre nach Lungi 8 Uhr. So stand es im Ablaufplan für das letzte und nächstgelegene Zentrum vom SLOIC. Auch das eine Besonderheit von Freetown, die wir schon bei der Ankunft erlebt hatten. Lungi ist die Halbinsel, auf der auch der internationale Flughafen von Freetown liegt. Auf dem Landweg nur sehr umständlich mit Riesenumweg zu erreichen. Deswegen gibt es einen staatlichen Fährverkehr mit Autofähren, die über libanesische und lybische Reedereien mit Unterstützung derer Regierung betrieben werden, wenn ich es richtig verstanden habe. Gesehen habe ich 3 Fähren, von denen zwei an der Reede lagen und offensichtlich repariert wurden. Bleibt also die eine und einzige Fähre, die den Betrieb noch aufrecht erhält. Damit ist natürlich auch der Fahrplan etwas ausgedünnt.

Afigu teilte mir deshalb um 5 Uhr mit, dass Ben angerufen habe und wir erst um 6 Uhr starten sollten, da die Fähre später fahren würde. Also nochmal eine 3/4-Stunde hinliegen, 6 Uhr Abfahrt, 7.30 Uhr Ankunft am Fährhafen und Warten auf die Fähre aus Lungi. Es war schliesslich 11.30 Uhr als alle Fahrzeuge und Passagiere auf der Fähre verstaut waren und die Fahrt begann. Wir fuhren erste Klasse, d.h. in einem klimatisierten Deck auf dem während der Fahrt Ausschnitte aus Musik-, Religions- und Dokumentations-DVDs liefen, die alle zu kaufen waren.

Die Fahrt mit der Fähre war sehr beeindruckend. Zum ersten Mal hatte ich den Blick auf die Stadt von der Seeseite aus bei Tageslicht. Dabei wird das ganze Dilemma deutlich sichtbar. Es gibt nur einen schmalen Streifen Land, der unten am Meer liegt. In diesem Streifen spielt sich das gesamte wirtschaftliche und soziale Tagesgeschäft inklusive öffentlicher, privater und kommerzieller Verkehrsbewegungen ab. Dahinter geht es gleich zum Teil sehr steil die Berge hoch. Die ganze Ausbreitung der Stadt fand in den letzten Jahren an diesen Bergflanken statt und insbesondere während des Krieges und danach mussten immer mehr Menschen in der Stadt untergebracht werden. Die ökologischen Schäden durch die Abholzung der ursprünglich bewaldeten Berge führen immer wieder zu Erdrutschen, die im schlimmsten Fall auch eine hohe Zahl an Todesopfern wie im August 2017 fordern.

Die Fahrt mit der Fähre dauerte etwa eine halbe Stunde, Anlegen und Entladen in etwa genau so lange. Die Fahrt zu LSLOIC dauerte auch etwas länger, da die Orientierung in Lungi etwas schwierig war und die Befragung Ortskundiger nötig machte. Wir kamen aber noch rechtzeitig zum Mittagessen – Potatoe leaves! Und während des Mittagessens konnten wir sogar zwei grössere Flugzeuge beim Landeanflug auf Lungi International Airport beobachten. Da solche Flüge aber Seltenheitswert besitzen, ist die Lage der Schule in der Einflugschneise kein grosser Nachteil.

Dagegen durfte ich in der Sitzung des Management Committees am nächsten Tag die zur Zeit grösste Herausforderung für das Zentrum kennenlernen. Die Schule besitzt, belegt durch offizielle Dokumente, das Schulgelände, das ihr von einer Familie überlassen wurde. Da das Geld für eine Umzäunung fehlt, rücken ihr jetzt verschiedene Nachbarn immer näher, und Ben befürchtet, dass die Schule in Mitleidenschaft gerät. Dies hatte eine längere Diskussion mit Erklärungen und Stellungnahmen aller Mitglieder zur Folge (meist in Krio, so dass ich nur grob folgen konnte) und dem klaren Auftrag an das Committee, die Interessen seiner Schule klar zu vertreten und die Grenzen für die Nachbarn bei Bautätigkeiten klar aufzuzeigen. Da Lungi überwiegend muslimisch geprägt ist, waren in diesem Committee neben dem Chief auch zwei Sheiks vertreten, die versicherten, ihren Einfluss in der community zu nutzen.

Die Zeit war durch diesen wichtigen Tagesordnungspunkt schon sehr fortgeschritten meine Vorstellung konnte kurz gehalten werden. Nichts destotrotz war die Herzlichkeit der Begrüssung und des Willkommens nicht weniger gross wie in den anderen Zentren. Dank der kurz gehaltenen Vorstellung von Mr. Gunther war noch genügend Zeit für das Mittagessen und rechtzeitiger Fahrt zur 13.30 Uhr-Fähre, die wir unbedingt erreichen wollten und auch erreichten.
Wieder angekommen in Freetown ging es zum SLOIC-office und die Orientation wurde offiziell für beendet erklärt. Am nächsten Morgen gab es zum Abschluss das staff-meeting Freetown, d.h. Director Ben, Coordination Manager Mr. Massacoi, Finance Secretary Mr. Samu, Mr. Gunther, Drivers Laffel and Afrigu, und den offiziellen Uebergang zu „business as usual“. Ich habe mein Büro bezogen und bin nach der Abreise von Ben nach Bo Teil des coordination office SLOIC, #4 Hill Street, Freetown, nicht weit entfernt vom Wahrzeichen der Stadt, dem Cotton Tree.























