Freetown, 12.1.2019
Liebe Jamani man dem en wuman dem, liebe frend dem (dem ist immer der Plural, alles andere koennt ihr leicht aus dem Englischen ableiten),
wir versuchen mal einen kurzen Ueberblick ueber unsere erste Woche in Sierra Leone, Freetown, zu geben, damit die Funkstille nicht zu lange anhaelt.
Wie ihr seht, schreiben wir ohne Umlaute auf Gunthers Dienstlaptop mit englisch/amerikanischer Tastatur und vielen arabischen Schriftzeichen als Zweitbelegung. Wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass die Wirtschaft Sierra Leones stark von libanesischen Geschaeftsleuten gepraegt ist.
Wir sollten am 5.Januar von Stuttgart aus mit Air France nach Paris und dort mit 1 Stunde Umsteigezeit nach Sierra Leone weiterfliegen. Schon beim Einchecken war klar, dass nur noch 35 Minuten uebrig waren und es sehr, sehr knapp wird. Und am Ende war klar, dass der Flug nach Paris keinen Sinn macht und auch am naechsten Tag kein Flieger von Paris nach Freetown gehen wuerde.
Plan B: Sonntag, 6.1.2019, 6 Uhr, Abflug nach Amsterdam, und von dort um 14.40 Uhr nach Freetown. Damit hatten wir einen zusaetzlichen Tag mit unserer Familie, die alle am Flughafen dabei waren, gewonnen, und Sonntag lief dann alles wie geplant.
Zum Glueck war schon morgens in Stuttgart klar, dass wir an diesem Tag nicht nach Freetown kommen wuerden, so dass wir unsere Chefs, Ben und Bamike, rechtzeitig informieren konnten, nicht an den Flughafen zu kommen. Der Aufwand dafuer ist naemlich nicht ganz unerheblich (was wir in unserer Vorbereitungszeit schon gelernt hatten).
Als wir 20.30 Uhr Ortszeit (21.30 Uhr MEZ) Lungi International Airport erreichten und durch alle Kontrollen durch waren, nahmen uns Ben und Bamike mit einer solchen uberschwenglichen Herzlichkeit in Empfang, als ob wir schon Jahre fuer sie arbeiten und gerade noch mal um 3 Jahre verlaengert haetten. Ab ging es in ihrem Windschatten um alle Koffer fuer die Bootsfahrt (!) nach Freetown-Aberdeen zu registrieren, in den Bus zur Anlegestelle zu gelangen und nach kurzer Fahrt durch die Nacht am Bootssteg in einer Wartehalle auf die Abfahrt zu warten.
Die ganze Zeit angeregte, lockere Gespraeche mit witzigen Bemerkungen, um die Wartezeit zu ueberbruecken, und schliesslich eine halbstuendige (?) Fahrt mit dem klimatisierten Boot aus China ueber das Meer in die Stadt.
Dort warteten dann die Autos von SLOIC und SLADEA, die Organisationen, fuer die wir arbeiten werden, im Fuhrpark mit vielen anderen grossen weissen 4×4-Toyotas mit Aufschriften aller moeglicher internationaler Organisationen, mit Fahrern, luden das Gepaeck ein und brachten uns zum Family Kingdom Ressort, dem Hotel, in dem wir jetzt seit 1 Woche wohnen.
Um hier zu wohnen, muss man uebrigens “Millionaer” sein. Eine Nacht kostet 1 240 000 Leone. Das relativiert sich zwar etwas, wenn man einen Kurs von 9500 Leone fuer 1 Euro zugrunde legt.
Das heisst aber auch, dass hier nicht die “normalen Menschen” anzutreffen sind.
Von hier aus wurden wir dann jeden Morgen abgeholt und zusammen mit Ben ging es neue sim-Karten besorgen, Aemter und Ministerien wegen Aufenthaltserlaubnis und Arbeitserlaubnis abklappern (immer kreuz und quer durch die Stadt, das alleine schon ein Abenteuer im Freetown-Verkehr und ohne erfahrenen Fahrer undenkbar) und zwischendurch ein Abstecher zur Bank, um die faelligen Gebuehren zu ueberweisen.
Parallel dazu gab es noch 1,5 Tage Wohnungssuche mit Ben und Bamike und einem Ergebnis, das alle zufrieden stellte: Sicherheit, Ruhe, Klima, Wohngegend, Nachbarschaft, Erreichbarkeit der Bueros, Kosten…. und Stellplatz fuer die 2 Projektautos. Wenn alles klappt, werden wir etwas oberhalb des Stadtkessels mit der amerikanischen Botschaft am Berg gegenueber und der britischen Militaermission am Berg ueber uns eine Wohnung beziehen. Besonders schoen war von dort aus die Fahrt in die Stadt zurueck durch noch bewaldete kleine Strassen ohne groessere Staus, unsere zukuenftige Arbeitsstrecke.
Es ist also schon eine Menge passiert in dieser ersten Woche, insbesondere weil Ben sehr daran interessiert war, die Dinge voran zu bringen. Und das, obwohl in seinem Buero in Bo genuegend Aufgaben zu den laufenden Projekten und anstehenden Jahresberichten auf ihn wartenden.
Ab Sonntag hat er schon einen Plan ausgearbeitet, wie wir (Gunther und Ben) zusammen (Sigi wird in Freetown bleiben und mit Bamike an Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis arbeiten, d.h. die gleiche Prozedur noch einmal, weil natuerlich der Head of Organisation persoenlich erscheinen muss – Buerokratie ist international austauschbar) erst nach Bo, dann nach Mattru Jong, Makeni und Lungi zu den 4 Ausbildungszentren von SLOIC fahren werden, um mich dem Management Committees, Mitarbeiter*innen und Auszubildenden vorzustellen.
Ich werde also viel von dem Land zu sehen bekommen und insbesondere die Schulen kennenlernen, fuer die ich arbeiten soll. Dabei wird sich auch zeigen, welche Erwartungen im Rahmen welcher Projekte an mich gerichtet werden. Ich bin gespannt und freue mich nach dieser Woche darauf mit Ben zusammen zu arbeiten.
Noch eine Bemerkung: Viel Text, wenig Bilder (naemlich keine). Warum?
Weil wir die ganze Woche mit Ben und unserem Fahrer unterwegs waren. Ich habe viele Bilder im Kopf, die ich gerne zeigen und kommentieren wuerde. Ich habe sie nicht gemacht, weil ich nicht wie ein sightseeing-tourist aus dem Auto meiner Partnerorganisation heraus den Speicher meiner Kamera fuellen und die Menschen, die hier leben, zu Statisten eines Tagebuchs machen wollte.
Ihr musst also zunaechst mal mit den Schilderungen von uns Vorlieb nehmen. Mit der Zeit werden wir fuer uns einen Weg finden, euch auch mit Bildern an unseren Eindruecken Anteil zu haben.
Wi tel God tenki fo di wel bodi.
Wi go si bak
Gunther und Sigi
Freetown, Sierra Leone


