Do No Harm

Hervorgehoben

Das klingt erst einmal nach einer erstrebenswerten Lebensregel.
Dahinter verbirgt sich aber auch ein aus der Praxis entwickeltes Konzept fuer Entwicklungsmassnahmen in Konfliktsituationen.

Wikipedia fasst das Konzept ganz gut zusammen:

Do No Harm (dt. ‚Richte keinen Schaden an‘) ist ein Konzept für die konfliktsensible Planung und Durchführung von Hilfsmaßnahmen, insbesondere in Kriegs- oder Bürgerkriegsgebieten. Es wurde von der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Mary B. Anderson entwickelt. Sie hatte festgestellt, dass Aktivitäten von Hilfsorganisationen in Bürgerkriegen oder gewaltsam ausgetragenen Konflikten sich in manchen Situationen nicht gewaltmindernd, sondern gewalteskalierend auswirkten. Ein wichtiger Faktor ist beispielsweise, wer von Hilfsgütern oder von Beschäftigungsmöglichkeiten bei Hilfsorganisationen profitiert bzw. wessen Stellung durch ihre Aktivitäten gestärkt oder geschwächt wird.

Eine zentrale Erkenntnis ist, dass in Gewaltkonflikten einige Beteiligte die Konfliktparteien weiter entzweien (dividers), andere versuchen, die Verbindung aufrechtzuerhalten bzw. das über den akuten Konflikt hinaus Verbindende zu sehen (connectors). Externe Akteure sollten daher darauf achten, dass sie die in eskalierten Konflikten besonders heikle Position der connectors stärken und nicht den dividers in die Hände spielen.

Ein wesentliches Element des Konzeptes ist es, geeignete Methoden zu finden bzw. zu entwickeln, um die – positiven oder negativen – Auswirkungen des eigenen Handelns (als Hilfsorganisation bzw. als externer Akteur) beurteilen zu können.

Mehr dazu findet ihr auf der Webseite von Do No Harm.

Im Rahmen des Programms des Zivilen Friedensdienstes von Brot fuer die Welt nahmen wir an einem einwoechigen Do No Harm Training fuer alle Organisationen in Sierra Leone in Kenema teil.

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Das war fuer die Praxis unserer Organisationen sehr nuetzlich und ergiebig und deshalb natuerlich fuer uns auch.

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Es war toll, dass unsere Trainer sehr viel Erfahrung mit der Anwendung des Konzepts haben und auch mit entwickelt haben. Im Bild oben seht ihr die Trainer zusammen mit Gunther bei der Uebergabe seines „Certificate“.

Durch Inputs und Gruppenarbeit …

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… konnten wir sowohl vertiefte Kenntisse zu Do No Harm gewinnen wie auch reflektieren, wie wir die Theorie in der Praxis anwenden koennen.
In Sierra Leone leben und arbeiten wir zwar nicht in einer aktuellen Konfliktsituation, aber das Konzept ist auch fuer Post-Konflikt-Situationen und Praevention von zukuenftigen Konfliketen anwendbar.

Hier seht ihr uns zusammen mit einer der Koordinator*innen des Programms, Adenike Cole, beim Abschluss des Trainings im Plenum.

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Abends erholten wir uns mit Spielen im Restaurant …

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… bei Sonnenuntergang und Blick auf die Kambui Hills von Kenema.

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Sigi

4 + 17 = Learning Sustainability Together

Ihr Lieben,

danke an alle, die dieses Projekt im vergangenen Jahr unterstuetzt haben.
Das Projekt hat sich im Jahr 2021 gut entwickelt.

15 internationale Bildungspartnerschaften zwischen Schulen, Globalen Klassenzimmern und NGO und Zweigstellen von SLADEA sind nun etabliert.
In 2022 werden sie sich nun bzgl. eines SFG austauschen und dazu eine gemeinsame Aktion im Sinne vom Lernen zum Handeln durchfuehren. Gemeinsame Planung und gegenseitige Beratung bzgl. der Umsetzung im jeweiligen lokalen Kontext stehen im Mittelpunkt des Austauschs.

Das Projekt könnt ihr nach wie vor durch einen kleinen finanziellen Beitrag (Kontoinhaber: AK1W, Bank: KSK Reutlingen, IBAN: DE20 6405 0000 0001 7541 80, Stichwort: Spendenbeitrag „4+17“) unterstützen.

Alles Liebe und Gute in 2022, bleibt gesund und hoffnungsvoll.
Eure Sigi und Gunther

4+17 = Learning Sustainability Together

Seit unserem letzten Blockeintrag sind nun eineinhalb Jahre vergangen. Wir haben uns wieder hier gut eingelebt.

Gunther ist im Vorruhestand und hat dazu letztes Jahr von der Familie eine „Schultüte“ bekommen. Auch ich werde ab September in Rente gehen. Das genießen wir sehr, vor allem das Zusammensein mit der Familie und unseren Enkel*innen Joel und Clara.

Mit unseren Partnern in Sierra Leone (SLOIC und SLADEA) sind wir nach wie vor im regen Austausch, dank What’s App, Email, Zoom und Co.

Ein Ergebnis ist:
EPiZ und SLADEA engagieren sich in einem Projekt „4+17 = Learning Sustainability Together“.

In diesem Projekt bündeln EPiZ und SLADEA ihre Kompetenzen, indem sie Bildungspartnerschaften zwischen 15 Schulen oder entwicklungspolitischen NRO in Baden-Württemberg und 15 Bildungseinrichtungen in Sierra Leone initiieren und begleiten.

Wesentliche Elemente des Projekts sind:

  • Die Partner*innen tauschen sich bzgl. gemeinsamer Werte, Prinzipien und Ziele aus.
  • Voneinander lernen bzgl. Lehren und Lernen (z. B. interaktives, partizipatives, ganzheitliches Lernen) stehen dabei im Fokus.
  • Sie einigen sich auf globale und lokale Themen der Zukunftsfähigkeit (z. B. Klimawandel, Gendergerechtigkeit, Gesundheit in Zeiten von Corona, friedliche Konfliktlösung), die für ihre Lernenden relevant und interessant sind und die sie im Austausch gemeinsam erforschen.
  • Dies schließt auch modellhafte Aktionen im Sinne einer zukunftsfähigen Entwicklung ein.

Damit verbindet das Projekt persönliche Interessen der Lehrenden und Lernenden in Baden- Württemberg und in Sierra Leone mit einem Beitrag zu den globalen Nachhaltigkeitszielen (SDG), insbesondere SDG 4 (hochwertige Bildung) und SDG 17 (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele).

Das Projekt wird von der “Stiftung EnwicklungsZusammenarbeit Baden-Württemberg SEZ” durch Mittel des Landes Baden-Württemberg in der Budgetlinie „bwirkt!Ausland“ gefördert.

Das Projekt könnt ihr durch einen kleinen finanziellen Beitrag (Kontoinhaber: AK1W, Bank: KSK Reutlingen, IBAN: DE20 6405 0000 0001 7541 80, Stichwort: Spendenbeitrag „4+17“) unterstützen, denn die Förderung durch die SEZ muss durch Eigenmittel des EPiZ (15 % = ca. 4000 Euro) cofinanziert werden. Sehr gerne halten wir euch auf dieser Seite oder per mail über alle Entwicklungen des Projekts auf dem Laufenden.

Wir hoffen, daß sich die Corona Situation bei uns und bei euch trotz neuer Varianten weiter positiv entwickelt und daß wir uns bald wieder im wirklichen Leben treffen können. Alles Liebe und Gute.

Sigi & Gunther

Sigi & Gunther na Reutlingen

Unser letzter Blockeintrag ist mehr als ein halbes Jahr her.
Nun schreiben wir aus Reutlingen. Und das kam so:

Schon Anfang des Jahres 2020 erreichten uns in Sierra Leone Nachrichten über die Corona-Pandemie.
Unsere Organisationen, SLADEA und SLOIC, die schon in der Ebola Krise Erfahrungen zu globalen Pandemien gesammelt hatten, waren höchst alarmiert. So begann beispielsweise SLADEA mit Radiosendungen mit der Aufklärungsarbeit der Bevölkerung zu Fakten und Präventionsmaßnahmen.

Ende März 2020 sind wir mit einem der letzten möglichen Flüge nach Deutschland zurückgekehrt. Brot für die Welt hatte uns das nach persönlicher Risikoeinschätzung ermöglicht, aber keinen offiziellen Rückruf seiner Fachkräfte veranlasst.

Im Home Office (oder genauer Mobil) arbeiteten wir dann zu Hause in Reutlingen bis Ende September mit unseren Organisationen SLADEA und SLOIC an den Vorhaben weiter, die im Jahr 2020 auf unserer Agenda standen. Bedingt durch die neue weltweite Covid-19 Pandemie, die Ende März auch die ersten positv getesteten Fälle in Sierra Leone lieferte, mussten diese Vorhaben natürlich an die aktuelle Situation angepasst werden. So konnten wir unsere Kolleg*innen und Organisationen z. B. dabei unsterstützen, Fake News kritisch zu reflektieren und ihre Ad Hoc Kampagnen zu Covid-19 zu planen.

In dieser Zeit konnten wir zu vielen Aktionen unserer Organisationen Positives beitragen.
SLADEA hat zum Beispiel einen Promotion Film „Empower SLADEA“ produziert und online gestellt. Ein Toolkit „Climate Action for Peace and Development“ konnte gemeinsam entwickelt werden.

Zum ersten Oktober wurden unsere Verträge mit Brot fuer die Welt und unseren Partnerorganisationen offiziell gekündigt, was uns aber nicht davon abhält, weiter ehrenamtlich für SLADEA und SLOIC zu arbeiten.

Vielen lieben Dank fuer euer Interesse und eure Kommentare zu unserem Blog.
Gemeinsam mit unseren Kolleg*innen und Freund*innen in Sierra Leone sagen wir:

„Stay blessed, safe and healthy“

Sigi und Gunther

Ibrahim Drive

Unsere Strasse – Ibrahim Drive – wurde nach dem ersten Mann benannt, der hier gebaut hat. Das ist eine Regel in Sierra Leone. Mr. Ibrahim hat viele Haesser in der Umgebung gebaut, die nun seine Kinder und Verwandten bewohnen. Ich komme darauf zurueck.

Die Strasse ist sehr steil, teils betoniert und teils Schotterstrasse mit Schlagloechern – vor allem nach der Regenzeit. Bevor wir das Haus am Ende der Strasse mieteten, durften wir auf Anweisung von Gunthers Chef erst einmal Probe fahren, um zu zeigen, dass wir zurecht kommen. Wir haben beide bestanden.

Nun wird in unserem Stadtteil seit Monaten die Hauptstrasse von einer chinesischen Firma ausgebaut. Von der geht der Ibrahim Drive (eine Sackgasse) ab zu unserem Haus Nr. 13. Das beeinflusst unser Leben in diesen Tagen besonders, denn die Einfahrt in den Ibrahim Drive ist seit einigen Tagen nicht mehr passierbar.

Die Einfahrt durchzieht ein betonierter Abflusskanal,

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der nun von beiden Seiten aufgefuellt werden muss, damit wir wieder in unsere Strasse fahren koennen. Wir parken derzeit an der Hauptstrassse und geniessen jeden Morgen kostenlos sportliche Aktivitaeten, indem wir mit unserem Gepaeck und Einkaeufen die ca. 200 m lange Strasse hoch und runter laufen. Die Auffuellaktion sollte eigentlich nur zwei Tage dauern, aber es zieht sich und ein Ende ist noch nicht in Sicht.

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Da geht’s runter …

Wir machen uns auch Gedanken, wie steil und wie uebersichtlich die Einfahrt sein wird. Auch der Untergrund koennte schwierig werden, denn bisher sehen wir nur aufgefuellte Erde und hoffen, dass der Einfahrtsbereich noch besser befestigt wird. Anderseits glauben wir, dass wir nach Ende der Ausbauarbeiten unsere Bueros schneller denn je erreichen.

Das Haus von Mr. Ibrahim ist das naechstgelegene zu unserem Haus. Eine seiner Bewohnerinnen haben wir vor kurzem auf dramatische Weise kennen gelernt:
An einem Sonntag Nachmittag sass ich gemuetlich Krimi lesend auf der Terrasse, als mich ein lautes Knallgeraeusch aufschreckte. Direkt vor der Terrasse wurde der Gelaendewagen unserer Nachbarin durch unsere Compoundwand gerade noch gestoppt, bevor er ins darunter liegende Dorf gerast waere. Sie hatte die Kontrolle verloren, die Bremse hat nicht reagiert, sagte sie spaeter.

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Gott sei Dank waren keine grossen Erste Hilfe Massnahmen erforderlich. Die Fahrerin hatte einen Schock, war aber unverletzt. Die Nachbarinnen und ich konnten sie zum Aussteigen bewegen und beruhigen. Auch das Auto von SLADEA, das unterhalb im Hof geparkt war, hat nur einen geringen Schaden abbekommen. Das Ruecklicht …

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Oft eroeffnet sich ja in einer Krise auch eine Chance. Seither sind wir, die Nachbarin Isatu und ich, in Kontakt. Ich hab sie schon zweimal besucht und wir verstehen uns prima. Sie arbeitet bei einer Telekommunikationsfirma, hat einen erwachsenen Sohn, der in den USA eine Ausbildung macht, und wir haben viele gemeinsame Themen – angefangen von Familie ueber Religionsverstaendnis bis hin zum Austausch ueber unsere Arbeit.

Sigi

Tasso Island – Gladi Gladi Ecotourism Project

Anfahrt von Tasso nach Bunce Island mit Gladi Gladi, der traditionellen Personenfähre, die Gäste auf die Insel bringt.

Weihnachten 2019 – ab dem 20.Dezember bis Dreikönig waren SLADEA und SLOIC auf christmas break programmiert, so dass wir die Zeit unserem Besuch aus Berlin widmen konnten.

Sigi hatte dazu zwei Angebote aus dem Touri-Programm von Sierra Leone ausgeguckt, um auch unseren Blick auf die Besonderheiten Sierra Leones etwas zu schärfen.

Bevor der Weihnachtstrubel mit Party und lauter Musik an den Stränden los ging, haben wir zwei ruhige Tage im Tokeh Beach Resort mit Übernachtung in den einfachen, aber gemütlichen, hölzernen Beach Huts verbracht.

Beach Hut im Tokeh Beach Resort. Die Mitreisenden aus Datenschutzgründen perfekt unkenntlich gemacht!

Die größte Überraschung war dabei, eine Familie aus Norwegen zu treffen, die tatsächlich Urlaub in Sierra Leone machte. Allerdings stellte sich heraus, dass der Vater über eine norwegische Uni an einem Projekt zur Produktion und internationalen Vermarktung von Avocado aus Sierra Leone beteiligt war. Das Land somit keine Unbekannte für ihn war.

Und Tokeh Beach Resort entspricht auch sicher den europäischen Standards mit gut ausgebildetem Personal, sauberem Strand, sauberem Wasser und sauberen Santäranlagen.

Strandurlaub kann man hier sehr gut machen, wenn man ansonsten nicht viel von Sierra Leone mitbekommen will. Selbst die paar wenigen Strandverkäufer*innen aus Tokeh werden von der Strand-Security auf Distanz gehalten. Wer noch Party braucht, der sollte in das direkt angrenzende „The Place“ einchecken, wo sich die Schönen und Reichen treffen. Beide Resorts haben auch professionelle Internetauftritte (für alle, die mehr wissen wollen).

Dabei ist in Tokeh besonders auffallend, dass das Dorf von seinem schönen Strand eigentlich nichts hat. Die Resorts sind eingezäunt und der Zugang wird durch die Hotels kontrolliert. An anderen Stränden wird auf der Zufahrt von den angrenzenden Dörfern eine „kommunale“ Gebühr erhoben (z.B. in Bureh 5000.- Leones pro Gast und 5000.- Leones pro Auto), am Strand gibt es verschiedene Restaurants und Übernachtungsmöglichkeiten („natürlich“ meistens im Besitz von minimal-pigmentierten Menschen) mit Arbeitsplätzen für die Dorfbewohner und der Strand ist nach wie vor Teil des Dorflebens.

Und es gibt Tasso Island mit einer noch weiter gehenden Idee. Tasso Island liegt im Delta des Sierra Leone River. Auf der Insel gibt es ein Ökotourismus-Projekt, das von der Gladi-Gladi-Stiftung initiiert und getragen wird. Ziel ist es, wenn die Anfangsinvestitionen aus dem Projekt refinanziert sind, das Resort an die Insel als Eigentum und Einkommens-quelle zu überschreiben.

www.tassoisland.org

www.gladigladi.org

Beeindruckend ist, dass sich die Chalets genannten Holzhäuschen direkt am Strand so perfekt in den Wald einfügen, dass sie vom Meer aus kaum wahrgenommen werden. Im Vergleich zur „Strandpromenade“ in Freetown, wo sich die großen Hotelhochhäuser aneinander reihen, wirklich idyllisch. Wasser (kalt) gibt es aus der Tonne mit der traditionellen Duschmethode „Leere-das-Wasser-aus-dem-Schöpfbecher-über-dir-aus“.

Eine Besonderheit sind die Trocken-Komposttoiletten, die ich so bisher nur in der Vorbereitung auf dem Zeltplatz von artefact in Glücksburg gesehen habe. Jedes der Häuser ist damit ausgestattet.

Wer jetzt die Nase rümpft, hat in Bezug auf Tasso-Island nicht ganz unrecht. Zumindest Männern sollte man die Möglichkeit geben, ein Urinal zu benutzen, von dem der Urin extra gesammelt oder hier direkt in den Waldboden geleitet wird. Noch besser wäre eine Unisex-Pinkel-Toilette. Artefact macht das und sichert so das „Trocken“ der Toilette. Ist dies nicht gewährleistet, fängt die Toilette leider an zu riechen, wenn sie mal benutzt wird.

Kompost-Toilette (links, rechts der Sand zum Hinterherwerfen). Im Hintergrund die Schmeiß-Wasser-über-dich-Dusche

Übrigens: Ich erinnere mich, während meines Studiums, ich glaube im Scientific American, einen langen Artikel zur Sanitärversorgung der ständig wachsenden Menschheit, insbesondere in Städten, gelesen zu haben. Die AutorInnen waren überzeugt, dass unser Modell der Wasserspülung angesichts begrenzter Trinkwasser-Resourcen keine Zukunft haben wird. Dagegen stellten sie detailliert dar, wie das Prinzip der Trocken-Kompost-Toiletten selbst in Hochhäusern und Millionenstädten umgesetzt werden kann und der dabei entstehende Kompost in der Stadt selbst in neuen, städtischen Formen der Agrarwirtschaft weiter verarbeitet werden kann.

Ich weiß leider nicht, was aus diesen „Spinnern“ geworden ist. Überzeugt haben sie jedenfalls auch hier im Globalen Süden (noch?) kaum jemand. Dabei wäre dies eine große Chance, eigene und nachhaltige Wege zu gehen.

Geradezu klassisch ökologisch funktioniert dagegen die Stromversorgung über Photovoltaik mit aus England/China importierter Technik. Sonne satt gibt es genug und sachkundige Betreuung vor Ort ebenso.

Tasso Island bietet noch eine weitere Besonderheit neben der Ökotourismus-Nische. Historisch gesehen ist es eng verknüpft mit der Geschichte des Sklavenhandels in Westafrika. Durch ihren geschützten und für große Segler gut geeigneten Zugang zum Atlantik war die Insel zunächst ein Anlaufpunkt für Sklavenhändler. Da aber Vielen der Sklaven die Flucht gelang und sie sich auf der großen Insel gut verstecken konnten, verhandelten die Sklavenhändler mit dem zuständigen Chief der Insel und erhielten das Recht, das viel kleinere Bunce-Island, direkt gegenüber, mit einem Fort zu bebauen und die Sklaven dort zu „vermarkten“. Die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln, hauptsächlich für die slavemasters, wurde von Tasso aus organisiert.

Die Insel ist heute ein Nationaldenkmal, die Reste des Forts werden so gut es geht erhalten und für Touristen und andere Interessierte gibt es Führungen von ausgebildeten Guides.

Die Reste des Fort der Sklavenhändler auf Bunce-Island

Dabei wird nicht nur die widerliche Rolle der weißen Sklavenhändler und ihrer europäischen / amerikanischen Nutznießer angesprochen, sondern auch ihrer Unterstützer in der westafrikanischen Bevölkerung. Als Sklave verkauft zu werden war eine gängige Bestrafung der für die örtliche Rechtsprechung zuständigen Chiefs, ebenso wie bewährte Methode zur Tilgung von Schulden oder nach kriegerischen Auseinandersetzungen die Besiegten zu Geld zu machen, um damit europäische Waffen zu kaufen.

Der Sklavenring – hier wurden sie den Käufern zur Schau gestellt, gehandelt und verkauft, um anschließend von den neuen „Eigentümern“ mit ihren Brandeisen gezeichnet zu werden
Im Fort gab es mit Mauern getrennte Bereich für Männer und Frauen mit Kindern. Es gab keine Dächer oder Beschattung. Ein Entkommen war unmöglich, da das Fort nahezu die ganze Insel belegte.

Was mich wundert und worauf unser Guide auch keine Antwort hatte: Sierra Leone ist das Land vieler aus Amerika zurück gekommener, befreiter Sklaven. Ich finde nirgendwo einen Hinweis darauf, dass diese Versklavten jemals die dafür Verantwortlichen in ihrem Land zur Rechenschaft gezogen hätten. Ist das eine Parallele zur neueren Geschichte Sierra Leones, wo die meisten Gräueltaten aus dem Bürgerkrieg mit einer Generalamnestie für die Täter endeten? Der Chief, der Bunce-Island an die Sklavenhändler abgegeben hatte (und dafür eine Ehrengrab auf dem Friedhof der Insel bekommen hat), soll noch lange Zeit als „First Chief“ bei jeder Ernennung eines neuen Chief in Sierra Leone geehrt worden sein.

Und auch auf Tasso-Island haben wir richtige Touristen getroffen. Eine Frau, die direkt aus London eingeflogen war, um in Sierra Leone eine Rundreise zu machen, und eine andere, die aus Monrovia (Liberia) mit dem Auto angereist war, um auf der Insel Urlaub zu machen. Sonst soll sich der Besucherstrom auf die Insel aber in Grenzen halten, die gesteckten Ziele werden wohl noch nicht erreicht.

Das ist schade. Insbesondere, weil eine unserer Partnerorganisationen auf diesem Feld tätig und auch in Beraterfunktion offiziell angegeben ist. Bei unserem kurzen Besuch haben wir einige Felder mit Beratungsbedarf gesehen. Insbesondere, wenn man doch mit den oben beschriebenen Stränden und ihren Resorts konkurrieren will oder muss. Sich ungefragt einzumischen hilft aber auch nichts. Es gibt schon genügend „Helikopter-Experten“: Einfliegen, Staub aufwirbeln und wieder abhauen.

Und das Projekt ist noch jung. Die Beteiligten sind sehr engagiert und wenn sie genauso lernfähig sind, lässt sich auf dem Ansatz aufbauen.

SLOIC Annual General Meeting (AGM) 2019

SLOIC Annual General Meeting (AGM)

Wie der Name schon sagt, jährlich, immer vor der Weihnachtspause, treffen sich alle Kolleg*innen der VTC (Vocational Training Centres) in einem der vier SLOIC-Centres.

Die Reihenfolge ist festgelegt und dieses Jahr war Lungi an der Reihe. Keine einfache Aufgabe für eines der kleineren Centre in Bezug auf Räumlichkeiten und Essensversor-gung. Zwar haben alle Centre eine Hauswirtschaftsabteilung, aber mal ca. 150 Teilnehmer*innen über 3 Tage mit Vollpension zu versorgen ist wirklich keine einfache Sache. Ohne Großküchenausstattung und Kochen auf offenem Holzfeuer!

SLADEA Triannial in Bo. Am zweiten Tag stand Goatsoup auf der Speisekarte.

Gleiches hatten wir zwei Wochen zuvor beim Dreijahrestreffen von SLADEA in Bo erlebt, als die kleine Bo-Branch ca. 300 Teilnehmer*innen jeden Tag mit Frühstück und Mittagessen versorgte. Nach 3 Tagen musste die hauptverantwortliche Hauswitschaftsleiterin wegen eines Schwächeanfalls in’s Krankenhaus eingeliefert werden. Zum Glück hat sie alles gut überstanden.

(Laura-Schradin-Schule: Das wäre mal ein total handlungsorientiertes Projekt “Kochen beim SLOIC-AGM”. Leider ist der Flug nach Freetown nicht gerade billig und wenn die Eltern lesen, was es hier alles Schönes an Tropenkrankheiten gibt, darf wohl niemand mehr mit.)

Zurück zu Lungi. Die große Aufgabe hatte aber auch eine gute Seite. Die Gebäude haben einen schönen neuen Anstrich erhalten, die Toiletten wurden renoviert und seit Dezember hat das Centre einen großen Konferenzraum mit Bühne, auf dem der wichtige High Table für die Honorationen jeder Versammlung Platz findet.

VTC Lungi in strahlendem Blau. Die Toiletten (rechts) nicht nur außen auch innen total renoviert.
High Table mit Vertreter des Ministeriums; Sheikh Alhaji, Vorsitzender des Management Committee VTC Lungi; Director Ben Sei; Seconded Personnell (von links nach rechts!)

Das AGM hat immer zwei Teile. Die ersten beiden Tage dienen offiziellen, dienstlichen Angelegenheiten. Bericht des Direktors und Berichte der Training Manager (“Schulleiter”) der vier Centre. Und dieses Jahr auch “contribution of the seconded personnel” – also ein Beitrag aus meiner Sicht.

Die Training Manager hatten die Vorgabe, eine SWOT (Strengths-Weaknesses-Opportunities-Threads)-Analyse ihres Centres zu liefern. Zwei von ihnen bekamen als Hausaufgabe, ihren Vortrag zu überarbeiten und eine wirkliche SWOT-Analyse schriftlich an das National Office zu schicken. Einer der Vorträge wurde mit dieser Auflage durch Direktor Ben abgebrochen, als die Bedeutung der mathematischen Spieltheorie im Bereich Management dargestellt wurde. Es hätte nur noch gefehlt, dass mich jemand nach Details der Spieletheorie gefragt hätte.

Hier hat sich für mich aber auch die Stärke und positive Seite dieser Veranstaltung gezeigt: Voneinander lernen. Eben nicht irgendwas aus dem Internet kopieren und vortragen sondern, wie bei einem Centre vorbildlich gelungen, über die im Alltag positiven und weniger positiven Dinge, Schwierigkeiten und Lösungsansätze zu berichten. Mit dem Ziel, Gemeinsamkeiten zu entdecken, gegenseitige Unterstützung zu wecken und die Zusammenarbeit zu stärken. Für Ben ist es undenkbar, dass jemand z.B. in Makeni arbeitet und keine Ahnung von dem Centre in Lungi hat (z.B. auch von den Flugzeugen, die täglich über das Centre zur Landung auf dem Flughafen ansetzen. Ein Glück für die Kolleg*innen, dass das Flugaufkommen überschaubar ist).

Und damit zum zweiten Teil, der genauso dem Ziel der Zusammenarbeit, jetzt mit Schwerpunkt Teambuilding dient. Geplant war ein Cross Country – “Lauf”, der am Strand mit Fußball- oder Volleyball-Spielen enden sollte. Da die Präsidentengattin (First Lady) an diesem Tag ihre (lobenswerte) Kampagne “Hands off our Girls” in Freetown (!) startete, hatte die Polizei aber unsere Veranstaltung in Lungi (mit 6 Seemeilen Meer dazwischen!) verboten. Verstanden hat das niemand, aber die zuvor geübte „gegenseitige Unterstützung“ zeigte Wirkung.

Alle verfügbaren Autos wurden mit Menschen bestückt und, ganz wichtig, die Lautsprecheranlage inklusive Generator wurde auf der Ladefläche eines der Toyota-PickUps verstaut. Nach einem kurzen Stop und “Umladen” der absturzgefährdeten Kollegen ging es dann im Konvoi durch die Straßen Lungis, um die interessierte Öffentlichkeit lautstark über die Existenz und den Sinn des VTC Lungi zu informieren. Mit viel Musik und etlichen Zwischenstops, um Reden zu halten.

Zurück im Centre gab es dann doch noch ein verkürztes Sportprogramm in Form eines Fußballspiels Bo/Lungi vs. Makeni/Mattru Jong. Sieger nach Elfmeterschießen: Bo/Lungi.

Die Einwechslung des National Executive Director in das Team Bo/Lungi führte zu hitzigen Diskussionen darüber, ob er überhaupt spielberechtigt war.

Schließlich war am Abend zum social evening eingeladen. Eine Gelegenheit, durch den Verkauf von Eintrittskarten kleine Einnahmen zu erzielen und auch den Nachbarn des Centres Unterhaltung (und laute Musik) zu liefern.

Dafür hatte die Theatergruppe der Trainees ein sehr interessantes Stück über die vielen Schwierigkeiten, die im Leben eines jungen Mädchens hier in Sierra Leone auftreten können, einstudiert. Leider ohne an einen Zeitplan zu denken. Deswegen musste auch hier Direktor Ben nach einer Stunde einschreiten (es war kein Ende abzusehen) und die Fortsetzung des Stücks auf die nächste Graduation-Feier verschieben.

Sonntag Morgen gab es dann noch einen Thanksgiving-Gottesdienst mit einem sehr kluge Dinge predigenden, jungen, katholischem Pfarrer und einem tollen Chor mit schönen, rhythmischen Liedern. Und danach mit den obligatorischen Marching-Bands (auch da hatten wir schon Erfahrung vom SLADEA-Triannial in Bo) ein Marsch in Formation, von der afrikanischen Sonne beschienen, durch die Straßen Lungis. Klimawandel hin oder her – die Fahrt im Auto mit Klimaanlage am Tag zuvor war doch etwas leichter zu bewältigen gewesen. Aber wir haben durchgehalten und irgendwann die Rufe der Kinder vom Straßenrand (obotho, obotho – Weiße, Weiße!) nicht mehr wahrgenommen.

Marching Groups haben immer Vorrang – wir belegten die gesamte Straßenbreite. Wir hatten uns mit größtem Abstand zu Trommeln und Blechbläsern am Ende des Zugs eingereiht.

Zurück nach Freetown ging es dann, nach einem letzten Abend am Strand von Lungi, Montag Vormittag mit der Autofähre.

Mit Rueckblick nach vorne schauen

Am 5.1.2019 begann unsere Reise nach Salone mit Hindernissen
– ein Schneesturm in Paris lies uns erst am 6. Januar 2019 in Freetown ankommen.

Am 5.1.2020 verbrachten wir unseren letzten Tag der Weihnachts- und Neujahrspause bei angenehmen 30 Grad im Schatten, den ich (Sigi) endlich fuer diesen Blogbeitrag – ein Rueckblick und Ausblick – genutzt habe. Seit dem letzten Beitrag im Oktober letzten Jahres ruhte unser Story Telling – die Arbeit in vergangenen Monaten hat uns davon abgehalten. Sie waren wie wahrscheinlich bei vielen von euch von Meetings, Konferenzen und Aktivitaeten zum Jahresende gepraegt und endeten mit wunderschoenen Ferien und Festtagen, zusammen mit unseren ersten Besucher*innen Regina und Klaus. Gemeinsam konnten wir heimatliche Traditionen pflegen und gleichzeitig Straende geniessen, historische Staetten (Bunce Island mit einem Fort aus der Sklavenzeit) und die Natur (Tasso Island mit einem Oekotourismusprojekt) erkunden und wir konnten den Beiden einen Einblick in unsere Arbeit geben.

Bezogen auf unsere Arbeit starteten wir Anfang des Jahres bei „Sierra Leone Adult Education Association SLADEA“ (Sigi) und „Sierra Leone Industrialisation Centres SLOIC“ (Gunther) mit angezogener Handbremse, denn die Projektgelder fuer unsere Aktivitaeten konnten erst im Maerz abgerufen werden. Das gab uns aber ausgiebig die Gelegenheit uns zu orientieren, privat und beruflich einzuleben und buerokratische Formalitaeten wie Arbeitsgenehmigungen zu erledigen. Es blieb uns viel Zeit fuer Reflektion, worueber wir ja anfangs ausfuehrlich berichtet haben :-).

Meine erste Aufgabe, die Datenerhebung zur Studie „Empowering SLADEA„, fuellte Maerz – Juli. Am Anfang hatte ich so meine Zweifel, ob ich wohl die richtige Person waere um eine solche Studie durchzufuehren. Warum nicht jemand aus dem Bildungsbereich in Sierra Leone? Und wie sollte es ausgerechnet mir als “Poto” oder “Pumui”, wie die “Weissen” hier in Sierra Leone gerufen werden, gelingen eine Vertrauensbasis zu finden und eine offene Gespraechsatmosphaere zu schaffen, um gemeinsam mit allen Beteiligten realitaetsnahe Antworten auf die Forschungsfragen:

Worauf sind wir stolz,
was sind unsere Herausforderungen,
was sind moegliche Loesungen bzgl. Zielen und Werten, Lehren und Lernen, Rahmenbedingungen, Gendergerechtigkeit, Kooperation mit Partnern usw.


zu finden? Und Empfehlungen fuer die Zukunft SLADEA daraus abzuleiten?

Durch partizipative, bestaerkende und orale Methoden, die an die afrikanische Tradition des Story Telling anknuepften, und dadurch, dass wir im Team unterwegs waren, ist es uns jedoch gemeinsam ganz gut gelungen, dass die Teilnehmenden die Studie zu ihrer eigenen Sache gemacht und ihre persoenlichen Schwerpunkte und Themen gesetzt haben.
Meine Rolle war die der Prozessbegleiterin, Organisatorin und Impulsgeberin. Mein Arbeitgeber und Counterpart, Bamike Williams (Executive Sekretary von SLADEA), hat mich ermutigt, die Aussagen und Meinungen der Teilnehmenden mit eigenen Erfahrungen und „frischen Ideen“ zu ergaenzen.

Study Team:
L. E. Bockarie, S. Schell-Straub, M. Sesay, W. Menjoh, A. Bah, J. I. Kanneh

Fuer mich war es letztlich eine tolle Chance, zu Beginn nicht gleich in Projekten aktiv zu werden, sondern viel ueber SLADEA, die Kulturen und die politischen und sozialen, geographischen und klimatischen Gegebenheiten in Sierra Leone zu lernen. Hier ein paar Beispiele:

  1. Die Reisen fanden zuerst in der Trockenzeit, ab Mai dann in der Regenzeit statt. Eine der groessten Herausforderungen waren die Strassenverhaeltnisse vor allem in der Regenzeit. Jedesmal bedankten wir uns ausfuehrlich bei unserem Fahrer Mohamed – wohl wissend, dass unser Leben in seiner Hand lag und er die Schlammloecher und Buckelpisten souveraen gemeistert hat. Bis heute habe ich nicht gelernt hier zu fahren – in den Staedten habe ich kein Vertrauen immer rechtzeitig zu reagieren, wenn Motoraeder (Okada) und Dreiraeder (Keke), Taxis, Minibusse und Gelaendewagen kreuz und quer, von links und rechts so schnell wie moeglich dahin fahren, wo gerade Platz ist. Und ich werde das Fahren auch in Zukunft wohl moeglichst bleiben lassen, da meine Kollegen dafuer Verstaendnis haben und mir immer dann einen Fahrer von SLADEA zur Verfuegung stellen, es sei denn Gunther, der mittlerweile sehr gut mit den Verkehrsverhaeltnissen zurecht kommt, und ich haben die selben Strecken zur Arbeit und er kann mich mitnehmen.
  2. Waehrend des Ramadan (6.5. – 5.6.2019) haben wir unsere Studyworkshop- und Essenszeiten auf die Regeln der Fastenzeit abgestimmt. Auf diese Weise konnte ich viel ueber den Islam und den Ramadan lernen.
  3. Meine Kriosprachkenntnisse haben sich etwas erweitert und auch Begruessungsformeln in Temne und Mende habe ich mir angeeignet. Damit konnte ich meinen Respekt gegenueber den Kulturen unserer Gespraechspartner*innen ausdruecken. Vor allem in Gespraechen mit den Schueler*innen war ich jedoch auf Uebersetzung angewiesen und fuer die Zukunft will ich mein Krio verbessern, denn Krio wird immerhin von 87% der Bevoelkerung in Sierra Leone gesprochen.

Im August begann ich mit dem Schreiben des Berichts, den ich dann im Oktober fertig gestellt habe. Dazwischen lag fuer uns lag ein wunderschoener Urlaub mit unserer Familie im September Deutschland.

Die Erkenntnisse waren reichhaltig und so umfassend, dass daraus locker ein 10 Jahresprogramm fuer SLADEA abgeleitet werden kann.

Ziele und Werte von SLADEA gaben Anlass fuer viel Lob fuer die bisherige Arbeit. Die “vision and mission” von SLADEA passt wunderbar zu SDG 4 und zu den Versprechungen der Regierung bzgl. “quality education for all”. Die Empfehlung “Contact educational government institutions for government support (salaries and subventions)” liegt auf der Hand. Die Sorge dabei ist, dass das die Vereinnahmung der Organisation und das Bestimmen der Bildungsinhalte zur Folge haben koennte. Das kam mir sehr bekannt vor, wenn ich an BNE in Deutschland denke. Auf die Verhandlungen bin ich gespannt, auf jeden Fall ein dickes Brett.

Ziele und Werte von SLADEA im Vergleich zu den SDG und der Vision und Mission des Bildungsministeriums am Beispiel der Branch in Bo

Der Kernbereich Lehren und Lernen ergab viel Wertschaetzung fuer die Kompetenzen der Lehrkraefte (facilitators) von Seiten der Schueler*innen: My facilitator is … encouraging, a role model, helpful, empathetic, respectful, friendly, caring, patient, kind, God loving, fond of teaching, not hot tempered, proud to teach, supportive, nice to us, an adviser, not harsh, not angry. He/she, doesn’t quarrel in front of learners, has spirit of voluntarism, is always ready to teach, does not discriminate, loves, gives a good training.” In Gespraechen vor allem mit den Lehrkraeften wurden aber auch viele Herausforderungen bzgl. Fortbildung, Bildungsplaenen und Unterrichtsmaterial deutlich, die in diesen Empfehlungen muendeten:“Offer training for facilitators – refresher and new training in Adult Education regarding methods and contents” und “Update or write new curricula, textbooks and produce teaching material”.

Die Reflektion ueber die Rahmenbedingungen brachte viele Probleme auf den Tisch.
SLADEA besteht aus 15 “Branches”, die allen vier Provinzen des Landes angesiedet sind. Sechs Branches verfuegen “Continuing Education Centres CECs”, die Buero- und Unterrichtsraeume haben. Alle anderen benutzen Raeume von Schulen, Gemeinden, Kirchen oder unterrichten im Freien im Schatten von Baeumen. Sie sind dabei, Land zu erwerben, um aehnliche Strukturen wie in den CECs zu schaffen. Bei den bestehenden CECs fehlt es an vielen Dingen: Ausstattung wie Moebel, IT Ausstattung, Lehrmaterial vor allem fuer berufsbildende Faecher wie Weben, Naehen, Schweissen, Backen, Catering, usw. Auch die Energie- und Wasserversorgung sowie die sanitaeren Anlagen sind sehr unzureichend. Um all diese Herausforderungen zu meistern, diskutierten wir vor allem nachhaltige Finanzierungskonzepte von SLADEA. Empfehlungen sind:
1. Increase efforts for self-financing of SLADE A through fundraising activities,
2. financing through national and international grants and
3. trainings for management committees for self-financing activities and writing applications for grants.

Ein Schwerpunkt der Studie war “Gender justice”. Ueberwiegend zufrieden und stolz waren alle Gespraechspartner*innen darueber, dass Gender Themen gut im bisherigen Bildungsplan von SLADEA verankert sind und dass die Lehrkraefte im Unterricht einen geschuetzten Raum bieten, in dem alle Gender Probleme im familiaeren Umfeld oder in der Community vertraulich besprochen werden koennen. Vor allem die Gespraeche mit Vertreter*innen der Partner und Vertreter*innen der Community ergaben, dass die brennenden Probleme “rape, teenage pregnancy, early marriage, child labour and child trafficking, marginalisation of women, female genital mutilation (FGM), drug abuse” von SLADEA noch intensiver thematisiert werden. Deshalb die Empfehlung, diese Themen in die Curricula aufzunehmen und insbesondere FGM kulturell sensibel zu behandeln und dabei mit anderen Organisationen, die in hier Erfahrungen haben, und mit Vertreter*innen der Communities zusammen zu arbeiten.

Chairlady und Schuelerinnen in Kabala feiern ihr Study Workshop mit mir.

Alle gemeinsam erarbeiteten Empfehlungen wurden dem Entscheidungsgremium, dem „National Executive Committee“ von SLADEA vorgetragen. Die Studie, der Bericht und die Empfehlungen wurden sehr wert geschaetzt und als informativ und gleichzeitig bildend bezeichnet. “Think outside of the box” war ein Zitat des Praesidenten von SLADEA, das den Teilnehmenden mit auf den Weg gegeben wurde. Und Bamike Williams wuenschte sich explizit eine Umsetzung aller Empfehlungen in seinem Vorwort zum Study Report:
“I strongly believe Mrs. Schell-Straub has now, on completion of the study tour, realized that SLADEA is a unique family full of volunteers who are always ever-ready to contribute to national development in their own ways. I wish her well in all her undertakings and hope to see full implementation of the recommendations as stated therein.”

Eine erste Abstimmung ueber die Prioritaeten der Empfehlungen m National Executive Committee ergab folgendes Bild:

Der Praesident von SLADEA, Prof. Allie, moderiert die Abstimmung.

Die Teilnehmenden fuellten Glaeser, die mit den Empfehlungen beschriftet waren, mit Erdnuessen gemaess ihrer Praeferenzen (5, 4, 3, 2, 1 Erdnuesse fuer die 1., 2., 3., 4., 5. Prioritaet).

Auf den ersten Plaetzen landete

  1. Offer training for facilitators – refresher and new training in Adult Education regarding methods and contents.
  2. Contact educational government institutions for government support (salaries, subventions).
  3. Update or write new curricula, textbooks and produce teaching material.

Nach vorne schauen:
Diese Wertung hat mich sehr gefreut, denn zu Punkt 1 und 3 kann ich sicher in den kommenden 2 Jahren viel beitragen und auch zu Punkt 2 kann ich SLADEA anbieten, diesen Lobbyprozess zu unterstuetzen. Manchmal hilft es bei Gespraechen mit Ministerien, wenn Personen mit internationalem Hintergrund dabei sind und den Anliegen der lokalen NGO durch ihre Erfahrungen und Einschaetzungen zusaetzliches Gewicht verleihen.

Ich bin gespannt, welche Aufgaben mir SLADEA fuer dieses Jahr gibt und ein Thema konkretisiert sich schon jetzt. SLADEA wird in den kommenden Jahren den Bidungsschwerpunkt auf Klimawandel legen. Hier kann ich zu Trainings der Lehrenden und zum Erstellen von Bildungsmaterial beitragen. Darueber freue ich mich sehr.

Sigi

International Day of Peace in Sierra Leone: Promoting Dialogue for Sustainable Peace

Der ‘International Day of Peace’ der Vereinten Nationen (IDP) wird weltweit am 21ten September gefeiert um die Menschen zu ermutigen gemeinsam den Frieden in der Welt zu schuetzen und zu befoerdern.

In Sierra Leone erstrecken sich die Aktivitaeten traditionell auf eine laengere Periode. In diesem Jahr fanden sie im Zeitraum vom 17. bis 21. September in unterschiedlichen Regionen und Staedten statt.

Im Netzwerk des Zivilen Friedensdienstes (Civil Peace Service CPS) in Sierra Leone begannen die Vorbereitungen dazu bereits mehrere Monate vorher. In diesem Netzwerk treffen sich die Partnerorganisationen der AGEH (Arbeitsgemeinschaft fuer Entwicklungshilfe e.V.) und Brot fuer die Welt in Sierra Leone regelmaessig um sich auszutauschen und gemeinsame Aktionen zu planen.

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Unsere Organisationen: Sierra Leone Adult Education Association SLADEA und Sierra Leone Opportunities Industrialization Centre SLOIC sind Teil dieses Netzes und wir als Fachkraefte des Zivilen Friedensdienstes konnten bei den Vorbereitungstreffen unsere Ideen fuer den IDP einbringen.

Der Prozess der Themenfindung und Planung war sehr spannend. Das weltweite Thema in 2019 lautete ‚Climate Action for Peace‘. Wir sammelten ausser diesem Thema weitere aktuelle ‚burning issues‘ und entschieden uns letztlich auf Grund aktueller politischer Spannungen per Abstimmung fuer ‚Promoting Dialogue for Sustainable Peace‘.

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Prof. Joe A.D. Alie, Praesident von SLADEA, beschrieb die Notwendigkeit die Einigkeit und den nationalen Zusammenhalt im Land zu foerdern so:

In the last ten years, the building blocks of national cohesion and the feeling of belonging of all citizens have greatly crumbled. The recent governance strategy has been characterised by tribalism, divisiveness, exclusion, and the weakening and subversion of state governing institutions. There is a need, therefore, to promote unity and national cohesion.”

Der gesamte Vortragstext seiner oeffentlichen Vorlesung zum Thema am 21. September in Makeni ist hier zu finden:

20190921 Int. Day of Peace Prof Alie Public Lecture Makeni_low

Die Aktionsformen der Veranstaltungen waren breit gefaechert und trugen den lokalen Beduerfnissen und Moeglichkeiten Rechnung. Es gab zum Beispiel Dialogveranstltungen in den Kommunen, Strassentheater, oeffentliche Filmvorfuehrungen, Senden von Jingles und Songs (via Handy und Lautsprecheranlagen) mit Friedensbotschaften.


Ueberall wurden Stickers mit passenden Sprichwoertern in Krio und Englisch verteilt, z.B.:

titentong_Final
Zaehne und die Zunge koennen sich gegenseitig stoeren, aber sie sind im selben Mund.

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Friede ist die Antwort.

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Es braucht zwei, um aneinander zu geraten.

Alle Highlights sind ausfuehrlich im CPS Newsletter 2019 beschrieben:

CPS Newsletter_#1, 2019

Darin sind auch folgende Schluesselempfehlungen enthalten, die die Teilnehmenden bei Veranstaltungen quer durch die Regionen geaeussert haben:

  • Peace and national cohesion should be integrated in the national school curriculum.
  • Government should consider reviewing the current national electoral laws (the winner takes all component).
  • The judiciary must administer impartial justice and at all levels.
  • Sierra Leoneans to extend the existing religious tolerance to political engagements.
  • Government should prioritize job creation for youth in the country.
  • People must learn to respect each other in society, without regards to party colours and ethnicity.
  • Operations of the Sierra Leone Police must be devoid of all forms of political interference; they should stop their heavy handedness, particularly on the opposition.
  • Politicians must perceive elections as a win-win game, and not a do or die situation.
  • Sierra Leoneans must consider national interest above all else.
  • The proposed Commission for National Peace and Cohesion should be formed with a national face, and be well empowered by the government.

Das CPS Netzwerk hat eine Facebook Seite mit Videos und Fotos, hier der Link zum Video von Bamike Williams, Chef von SLADEA: 

https://www.facebook.com/CPSSierraLeone/videos/385598445708385/

Leider konnten  wir bei all diesen interessanten Events nicht dabei sein, denn wir haben im September unsere Akkus bei einem Heimaturlaub aufgetankt.
Dort konnten wir uns aber auch politisch engagieren – im Sinne des weltweiten Mottos des IPD ‚climate action for peace‘:

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Schoen, dass wir auf dieser Freitagsdemo dem Schild vom Designbuero mees&zacke folgen konnten und viele Gleichgesinnte und Freunde vor allem aus der Tangoszene getroffen haben.

Sigi

 

 

 

Entrepreneurship – Vorbereitungen

... ist ein Zauberwort der Entwicklungszusammenarbeit, seit Jahrzehnten. Ich habe mich mit dem Elan eines Ü60ers in meine erste “richtige” Aufgabe gestürzt, nachdem die Projektgelder endlich Ende April frei gegeben waren. Ben hatte mir bei einer Stippvisite in Freetown ein SLOIC-Handbuch “Entrepreneurship” in’s Büro gebracht, mit dem Hinweis, dazu solle es workshops in den 4 Centres geben.

Der Hintergrund wurde mir dann bei einer weiteren Rundreise mit je zwei Tagen in jedem der 4 Orte klar. Eigentlich wollte ich die Gelegenheit nutzen und mir den Unterricht in den verschiedenen Ausbildungsabteilungen anzuschauen. Dazu kam es aber nur in Bo, weil Ben die Besuche nutzte, um die Trainer auf einschneidende Veränderungen im Ausbildungsbetrieb hinzuweisen.

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Ein Riesenproblem der technischen Ausbildung ist es, die notwendigen Trainingsmaterialien zu finanzieren. Die Regierung hat ihre Mittel für SLOIC auf 0 Le gestrichen. Angespannte Haushaltslage und schließlich bezahlten sie ja immer noch die Gehälter für die Lehrer*innen mit staatlichen Abschlüssen, war die Mitteilung des Ministeriums im Frühjahr. Damit war das seit Januar laufende 3-Jahresprojekt mit Brot für die Welt gefährdet, weil die Regierungsgelder als Cofinanzierung fest eingerechnet waren. Zum Glück für SLOIC ist Brot für die Welt ein verlässlicherer Partner und mit Einsparungen im Projekt und Umschreiben des Plans konnte die Finanzierungslücke verringert und durch Brot für die Welt geschlossen werden.

Die Idee, die jetzt um so dringlicher umgesetzt werden muss, soll die einzelnen Abteilungen unabhängiger von Geldzuwendungen machen. Dazu hatten sie “Business Pläne” erstellt, die Director Ben vorgetragen wurden. Das lief nach dem Schema Ich brauche x Millionen Leones – damit produziere ich mit meinen trainees xy Produkte – die verkaufe ich auf dem lokalen Markt für xyz Leones und habe damit ??? Profit.

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In Bo funktionierte das noch an einem Tag, weil die Trainer entweder gut vorbereitet und ihr Pläne schrifltich überreichen konnten oder, wie der Plumbing-Kollege nichts hatten und erst mal einen workshop einforderten (der ja noch kommen sollte!)

In Mattru Jong waren wir dann volle 2 Tage beschäftigt, die von Director Ben angezweifelten Berechnung nachzurechnen und die geforderten Summen zu reduzieren. Und wir mussten früh am Nachmittag los, weil die Straße (dirt road) seit den Regenfällen zunehmend leidet. In Lungi galt Ähnliches, weil wir die Nachmittagsfähre erreichen mussten.

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In Makeni gab es eine gänzlich neue Erfahrung: Wir waren montags angekommen und hatten am späten Nachmittag das Treffen vertagt mit einer Liste der Abteilungen, die am nächsten Tag ihre Pläne, weil noch nicht vollständig ausgearbeitet, präsentieren sollten. Wir waren in unser Hotel gefahren, hatten uns ausgeruht und waren dann zum Abendessen gegangen. Dort erreichten uns dann whatsapp-Nachrichten mit Fotos der offiziellen Erklärung aus dem State House (Amtssitz des Präsidenten), dass laut Quellen aus Saudi-Arabien das zuständige Religionsgremium den Mond gesehen habe (mit Foto der Mondsichel) und somit morgen Feiertag, nämlich Ende des Ramadans, im ganzen Land gelte. Nach einem gemütlichen Frühstück mit Ben (er ist Katholik und wir diskutierten darüber, ob wir in Zukunft nicht auch den Weihnachtstermin davon abhängig machen sollten, ob jemand im Vatikan den Stern von Bethlehem gesehen hat) machte ich mich dann auf die Rückreise nach Freetown. Think positive: Aufgrund des Feiertags waren die Straßen leer und die Straßenmärkte verwaist, die Rückfahrt somit gemütlich.

Deswegen konnte ich auch ein kleines Experiment wagen: Mit links steuern und rechts freihändig photographieren. Nicht alle Bilder sind gelungen aber ein paar Eindrücke der 3-Stunden-Fahrt durch Sierra Leone sind doch geblieben.

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