Hill Street ….

……

Daneben gibt es mehrere offene Flächen, für die es offenbar keine Besitzansprüche gibt (da nicht eingzäunt) und die von Menschen “besetzt” werden, die sonst keine Chance zum Wohnen hätten. Zu erkennen an den dicht bei dicht stehenden Wellblechunterkünften einfachster Bauart. Bei unseren Nachbarn handelt es sich hauptsächlich um Müllsammler, die mit ihren großen Metall-Handkarren durch die Straßen ziehen, den Müll mitnehmen und nach noch verwertbaren Stoffen durchsuchen.

Das war einmal. Auch das, meist ja friedliche, Familienleben mit den spielenden Kindern ist vom Nachbarsgrundstück seit Ostern verschwunden und zurück geblieben ist eine kleine Müllhalde. Ein natürlicher Abenteuerspielpaltz für die Kinder aus der weiteren Nachbarschaft.

Seit längerem hat wohl der Besitzer des Geländes die Familien in der Wellblechsiedlung aufgefordert, das Gelände zu verlassen. Die wiederum hatten vorgebracht, an den “Verwalter” des Geländes Miete für zwei Jahre bezahlt zu haben. Dazu muss man wissen, dass jeder Grundstücksbesitzer, der nicht selbst bei seinem unbebauten Grundstück wohnt, eine Person aus der Nachbarschaft bezahlt, um ein Auge darauf zu haben, was passiert, und ihn über Veränderungen zu informieren.

Immerhin, nach Aussage meines Kollegen, funktioniert der Rechtsstaat in Sierra Leone so gut, dass solche Fälle immer von Gerichten entschieden werden. Zumindest in den Städten. Deswegen sind die entsprechenden Besitzurkunden für Grundstücke auch immer an einem sicheren Ort verwahrt. Da der Verwalter vor Gericht bestritt, irgendwelche Zahlungen erhalten zu haben, und die Bewohner keine Belege vorweisen konnten, war das Gerichtsurteil eigentlich von Anfang an klar.

In diesem Fall erhalten die “illegalen” Bewohner schriftlich 3 Tage Zeit, das Gelände zu räumen. Sehr oft werden sie das aber nicht freiwillig tun, weil sie dann buchstäblich auf der Straße landen. Deswegen wird die Räumung von der Polizei sichergestellt und durch einen tabula-rasa-Zustand dafür gesorgt, dass es nicht am nächsten Tag wieder bezogen werden kann.

Als nächstes müsste jetzt der Eigentümer sein Grundstück einzäunen. Die übliche Methode hier sein Eigentum zu schützen. Jedes unbefugte Betreten wäre damit illegal. Was mit den obdachlosen Familien passiert, dafür gibt es allerdings keine legale Regelung. Sozialgesetze, die in solchen Fällen Hilfen bieten würden, gibt es nicht. Der Staat hat seine Aufgabe erfüllt, wenn die Polizei das Gerichtsurteil umgesetzt hat. Ende.

Ich werde die nächsten 3 Jahre nicht aufhören, allen, die mit mir darüber reden wollen, die zentrale Frage zu stelllen: Wie ist es möglich, dass in einer Gesellschaft, in der alle von brothers and sisters sprechen (was sehr schön ist und ich, wann immer passend, übernommen habe), in der tagtäglich Gott gedankt und um seinen Beistand gebeten wird (egal ob Muslim oder Christ), der Nächste so unbeachtet beibt, wenn er nicht aus der eigenen Familie oder dem eigenen Dorf stammt.

Gunther

‚Empowering SLADEA‘

Anfang April war es soweit:

Unsere Studie ‚Empowering SLADEA‘ (siehe Kick off at the Branches of SLADEA) begann im Community Education Centre in Bo (siehe Improve the quality of life …).

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Im Bild: Wuyata und Alarini, die mich durch Organisieren, Uebersetzen, Filmen, Fotographieren und Einbauen von Energizern unterstuetzen.

Ueber drei Tage hinweg reflektierten wir Visionen, Ziele, Inhalte und Rahmenbedingungen des Zentrums zusammen mit den unterschiedlichsten Beteiligten.

Hier eine Collage der Gruppen: Management, Learners, former Learners, Facilitators, Community Partners – who is who? 🙂


Wir arbeiteten oft mit vorstrukturierten Postern.
Z.B. fuellten die Lehrkraefte ein Baumbild mit Wolken (Visionen), Blueten (Bildungsinhalte), Fruechten (angestrebte Kompetenzen der Lernenden), Stamm (Ausbildung der Facilitators) und Wurzeln (Rahmenbedingungen),
die Lernenden einen Lebensfluss mit Visionen fuer die Zukunft.

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Die Feedbackrunden haben gezeigt, dass unsere grundsaetzlichen Vorgehensweisen und Methoden ganz gut passen. Was besonders gut ankommt, sind die Arbeit mit Symbolen oder symbolischen Uebungen, so zum Beispiel der ‚Gordische Knoten‘, den die Lehrkraefte mit viel Spass geloest haben, bevor sie sich ihren realen Herausforderungen und deren Loesungen zuwandten.

Im Workshop mit den Schueler*innen ist mir einmal mehr klar geworden, wie elementar wichtig die Literacy Kurse sind. Manche der Schueler*innen haben vor ihrer SLADEA Ausbildung gar keine Schule besucht und gaben an, als Haendler oder im Haushalt gearbeitet zu haben. Alle anderen mussten ihre Schullaufbahn vorzeitig abbrechen. Dementsprechend schwer fiel es manchen, ihre Gedanken schriftlich festzuhalten. Deshalb werden wir beim naechsten Mal hier sicher nicht wieder mit dem gemalten, geschriebenen Lebensfluss arbeiten, sondern mit Story telling und Rollenspielen. Und wenn ich da nicht immer von der Uebersetzung abhaengig bleiben will, muss! ich! Krio! lernen!

Nach der Bestandsaufnahme wurde in den Gruppen jeweils gemeinsam diskutiert:

  • Worauf sind wir stolz? Was sind unsere Staerken?
  • Was sind Herausforderungen / Probleme ?
  • Was sind moegliche Loesungen zu den Problemen?

So haben wir das dann visualisiert:

Wir haben sehr positiv vermerkt, dass die Bildungsinhalte der allgemeinen Faecher fast alle SDG abdecken und dass das ‚Vision and Mission‘ Statement und die kostenlosen Bildungsprogramme von SLADEA sehr gut zur derzeitigen Bildungpolitik passen, die sich ‚Bildung fuer alle‘ und die Staerkung der beruflichen Bildung ins Programm geschrieben hat. Auch die non-formale Bildung soll staerker einbezogen und gefoerdert werden. Da stehen die Zeichen guenstig, das Gespraech mit dem Bildungsministerium zu suchen und darauf hinzuarbeiten, dass die Gehaelter fuer die Lehrkraefte bei SLADEA wie bei manchen anderen NRO in der Erwachsenenbildung vom Staat uebernommen werden. Ein dickes Brett. Bisher werden die Gehaelter der Lehrkraefte fuer die allgemeinen Faecher von Brot fuer die Welt uebernommen, nicht jedoch die Gehaelter der praktischen Faecher (weaving, hairdressing, tailoring und soap making). Sie arbeiten im Wesentlichen ehrenamtlich.

Die Idee, dass Gehaelter in dem Bereich durch den Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen finanziert werden koennten, hat zumindest bisher nicht funktioniert. Auch die Ausstattung mit Geraeten und Utensilien fuer den praktischen Unterricht reicht nicht aus. Hairdressing und Kochen werden im Freien unterrichtet (Regenzeit ?!). Fundraising und Finanzmanagement hat demzufolge einen grossen Raum in der Diskussion bekommen. Wie kann die Organisation durch den Verkauf von Produkten mehr Eigenmittel erwirtschaften? Die Produktpalette ueberdenken, neue kreative Produktideen entwickeln … In Bo hat mir ein Kollege seine Kollektion gezeigt:

Tischsets, gewebt aus Trinkwasserplastiktueten, kombiniert mit afrikanischen Stoffen; Huete; Taschen … sehr schoen :-).

Ich wurde ermutigt, weiter auf Ideensuche zu gehen, die Kolleg*innen wollen auch Verschiedenes ausprobieren, bis ich wiederkomme. Vor allem die Idee, Kronenkorken zu verarbeiten, ist auf Interesse gestossen – durch dieses Bild:

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Weitere Zukunfsideen sind ein Showroom mit Produkten aller Zentren in Freetown, eine gemeinsamer Katalog und der Einzug der SLADEA-Produkte in den Fairen Handel in Reutlingen, Baden-Wuerttemberg und der ganzen BRD.

Andere Herausforderungen und weitere Ideen halte ich noch zurueck fuer naechste Blogeintraege :-), denn die Reise geht weiter. Das naechste Community Education Centre, das wir besuchen, liegt auf der Insel ‚Sherbro Island‘ in Bonthe. Ich muss mich da beeilen, denn die Kolleg*innen meinen, ich sollte das moeglichst noch vor der Regenzeit organisieren …

Also bis dann alles Liebe

Sigi

 

 

 

Cleaning Day

Der erste, den wir mitbekommen haben, war unser angedachter Umzugstag nach #13 Ibrahim Drive, IMATT Freetown, am 2.Februar 2019.Am 1.März bekam Sigi, als sie das SLADEA-Büro verließ, von ihren Kolleg*innen noch den Hinweis “Don’t forget Cleaning Day tomorrow” mit auf den Weg.Danach wussten wir Bescheid und haben alle Cleaning Days 2019 im Kalender vermerkt.Cleaning Day ist immer der erste Samstag eines Monats und sein Zweck erklärt sich von selbst. Alle sind aufgerufen, in ihrem Umfeld Müll wegzurämen und Straßen zu säubern.

Die warnenden Hinweise beziehen sich darauf, dass jede*r, der einfach das Haus verlässt, von Polizei oder Militär einen Besen oder Müllsack in die Hand gedrückt bekommt und sich am öffentlichen Großreinemachen beteiligen muss. Da dies eher als Zwangsarbeit empfunden wird, erwacht das öffentliche Leben an diesen Samstagen erst ab etwa 13 Uhr.Und alle, die am Samstag zu ihrer Arbeitsstelle mit okada oder taxi kommen müssten (wie etwa die Hotelangestellten), übernachten von Freitag auf Samstag an ihrem Arbeitsplatz.

Samstag, 6.April, war der Cleaning Day, an dem wir uns nicht nur verstecken wollten, sondern aktiv einen, wenn auch privaten, Beitrag leisten wollten. Ich hatte die Machete gekauft, weil Alhaji den Müll, der um das Haus herum lag, zusammmen mit wild wucherndem Gestrüpp verbrennen wollte. Seit Samstag steht beim nächsten Besuch in Bo der Kauf eines Rechens auf dem Zettel.

Alhaji hatte eine Gruppe der benachbarten Islam-Schule zur Unterstützung angeheuert.
Ganz im Sinne des Cleaning Day. Die Jungs hatten gedacht, sie könnten Fußballspielen statt Cleanen.
Allerdings bekam er dann größere Probleme: Der Sheikh, der der Gruppe den Koran lehren sollte, wollte sie alle für ihren Ungehorsam mit Stöcken schlagen, die sie vorher noch einsammeln sollten. Was sie ohne ihn mit dem Koran anfangen sollten, blieb unklar. Nur weil Alhaji alle Schuld auf sich nahm und sehr geschickt die Frau des Sheikh zu seiner Unterstützung holte, konnte er die Bestrafung verhindern.

Außerdem gibt es bei Sigi um die Ecke eine Werkstatt, die Alu sammelt, wie z.B. unsere Getränkedosen, sie einschmelzen und z.B. Kochtöpfe daraus gießen. Alhaji nimmt alle Plastik-Wasserflaschen mit und bringt sie zu einer Sammelstelle. Und es gibt einen Müllwagen, der montags durch unser Viertel fährt (die Farge ist nur, wann?) und Müll mitnimmt.

Und das Allerneueste: Jede Stadtverwaltung in Sierra Leone hat mindestens ein schickes, grünes Müllauto und einen ebenso grünen Lkw zum Transport von Müllcontainern erhalten, die den Müllbergen den Kampf angesagt haben. Made in China – die Lkw, aber bestimmt auch ein Teil der Müllberge.

Gunther

Bo – was sonst noch geschah

Graduation Bo – die Zweite

Weil ein Gewitter mit starken Windböen das halbe Dach bei SLOIC über Nacht abgedeckt und die darunter liegenden Räume unter Wasser gesetzt hatte, waren meine ursprünglichen Pläne buchstäblich in’s Wasser gefallen.

Eigentlich wollte ich zwei Tage lang den Ausbildungsbetrieb in Bo besuchen, um mir ein Bild von “Berufsschule” in Sierra Leone zu machen. Jetzt war natürlich aufräumen, trocken legen, Material transportieren etc. angesagt und alle Auszubildenden bekamen Sonderaufgaben von Director Ben zugeteilt, um die Schreiner auf dem Dach bei der Rekonstruktion zu unterstützen. Er befand sich eh im Mittelpunkt des Geschehens, da sein Büro zwar noch überdacht, aufgrund des Wasserschadens aber ohne Stromversorgung war. Also hatte er sein “Büro” in den Hof verlegt und dirigierte von dort aus Abriss und Neuaufbau inklusive Materialnachschub.

Damit ergab sich für mich die Gelegenheit, die Nachbarschaft von SLOIC näher zu erkunden. Ich hatte schon gehört, dass es in der Nähe Werkstätten der “handicaped people” geben solle, die auch verschiedene Produkte zum Verkauf anbieten würden. Weil meine Kolleg*innen keine genaue Wegbeschreibung geben konnten, gaben sie mir den “President of the Students Union” (den Schülersprecher, der mir bei der Graduation so positiv aufgefallen war) und seinen Freund als Stadtführer mit auf den Weg. Ohne die Beiden, hätte ich den schmalen Weg, der von der Straße weg, zwischen zwei Mauern durch, auf das Gelände einer katholischen Junior Secondary School und daran angegliedert die “workshops for the handicaped” führte, niemals gefunden.

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Die beiden Leiter der „blacksmith for the handicapped“ gezeichnet von ihrer Arbeit. Der mit der Mütze war schon bei SLOIC.

Erst mal stießen wir direkt hinter dem kleinen Verbindungsweg am Rand einer großen Freifläche auf den workshop der Schmiede. Gleich wurden wir von den beiden Leitern der Gruppe begrüßt und es stellte sich heraus, dass einer von ihnen mal für SLOIC gearbeitet hatte. Nachdem Schmiede dort nicht mehr ausgebildet wurden, hatte er sich “selbst-ständig” gemacht und die Leitung der “blacksmith of the handicaped” übernommen. Aus ausgedienten Blattfedern (gibt es nicht nur dank der zahlreichen Toyota Landcruisern der Hilfsorganisationen zuhauf) stellen sie diverse landwirtschaftliche Geräte her. Voller Stolz führten sie mir auch die selbst entwickelten Gebläse für ihre offenen Feuerstellen vor. Ihrem Handicap entsprechend hatte jeder dann eine bestimmte Aufgabe in der Gruppe.

Eine spezielle Funktion hatte ein Mann, der aus Weißblech z.B. Gießkannen fertigte. Er war gerade dabei mit der Blechschere passende Stücke zuzuschneiden. Bevor ich ihn fotografiere, möchte er erst einmal wissen, wozu ich das mache, sagte er. Gerne habe ich von meiner Arbeit bei SLOIC und als Lehrer in Deutschland erzählt und mich über das Selbstbewußtsein dieser Menschen, die es noch mal ein Stück schwerer haben als viele andere hier in Sierra Leone, sehr gefreut.

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„Bevor du mich fotografierst, sag mir erst mal, wozu?“

Dass es nicht einfach ist, habe ich bei meinem Abschied von der Gruppe erlebt. Ich habe mir von den Gerätschaften, die sie produziert hatten, das meiner Meinung nach nützlichste (s. Blogbeitrag “Cleaning Day”) für Ibrahim Drive, Freetown, ausgeguckt und ausgesucht – eine Machete (ein zufällig vorbei kommender Passant fand das lustig und fragte mich, ob ich jetzt vorhätte, in der Landwirtschaft zu arbeiten). Ich hatte geglaubt, dass die Einnahmen alle in eine gemeinsame Kasse der Gruppe gehen, und den Preis deshalb verdoppelt.

Da bemerkte ich, dass offensichtlich der Schmied, der diese Machete hergestellt hatte, alle Scheine an sich genommen hatte. Ich erklärte also dem Leiter der Gruppe, dass ich den Preisaufschlag für die Werkstatt geben möchte, und er verlangte die Hälfte des Geldes vom Schmied zurück. Weil der nicht sofort reagierte, enstand eine sehr gereizte Stimmung unter den anderen Schmieden, die von dem Einkauf ja nichts gehabt hatten. Erst als der Leiter den enstprechenden Anteil ausgehändigt bekam, war wieder Ruhe eingekehrt und ich wurde sehr freundlich verabschiedet.

Neben den Schmieden besuchten wir dann noch die Schneider- und Friseurworkshops und eine große Werkstatt für Traktoren und landwirtschaftliche Geräte. Das, was ich eigentlich gesucht hatte, fand ich aber nicht: Flip-Flops aus alten Reifen, Getränkedosen-Verschlüssen und Stoffresten. Hatte es mal gegeben, jetzt aber nicht. Später (?) wieder.

Auf dem Weg waren wir an einem großen Gebäude mit (leeren) Parkplätzen vorbei gekommen: Bo Plaza. Ich wollte sehen, ob es das war, was ich befürchtete. Bevor ich Sigi von ihrem workshop bei SLADEA-Bo abholen musste, genoss ich die einmalige Gelegenheit, ohne Parkplatzsorgen mein Auto vor Bo Plaza abzustellen und das Innere zu erkunden.

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Am Eingang eine große Tafel, die das Eröffnungsdatum im Februar 2018 durch den damaligen Präsidenten belegte. Im klimatisierten Innern gähnende Leere. Dieser american-style Einkaufstempel sollte auf zwei Etagen mit Galerien verschiedenste Geschäfte beherbergen. Die vorhandenen konnte ich an einer Hand abzählen und nicht wenige der Eigentümerinnen taten das sinnvollste, was sie mangels Kundschaft tun konnten: Schlafen.

Die Mieten in diesem Gebäude können sich diejenigen, die jetzt einen Verkaufsstand am Straßenrand haben, nicht leisten. Andere, die ein gut gehendes Geschäft in der Innenstadt mit viel Laufkundschaft haben, wollen (sinnvoller Weise) diesen Standort nicht wegen der Plaza am Rand der Innenstadt aufgeben. Also steht sie leer und “verbrennt” jeden Tag Millionen von Leones.

Gebaut wurde sie mit Geldern des staatlichen Pensionsfonds, in den alle Sierra Leo-ner*innen, die ein Gehalt beziehen, einzahlen, um einmal eine Rente zu erhalten. Und weitere Plazas mit demselben Geschäftsmodell gibt es in Makeni und Freetown und …?

Und bei uns gibt es Stuttgart21, BER, Elbphilharmonie ….. . Nur um mal die ganz dicken Fische zu benennen und nicht falsch verstanden zu werden.

Ich habe an diesem Nachmittag die ganz großen Gegensätze in Sierra Leone wieder hautnah erleben dürfen. Ich habe mich sehr wohl bei den “blacksmith” gefühlt und große Lust auf graffities an der Präsidententafel verspürt. Weil ich aber keine Sprühdose zur Hand hatte und jeden Morgen am Zentralgefängnis von Freetown vorbei fahre, wenn die Gefangenen zu ihren Gerichtsterminen in Transporter verladen werden, und weil ich weiß, dass es eh nichts mehr bringt, konnte ich mich gut beherrschen.

Gunther

Graduation in Makeni

Hier noch ein paar Bilder von der Feier in Makeni.
Bemerkenswert: Obwohl es auch hier mit Verspätung los ging (11 Uhr statt 10 Uhr. Wir waren um 7.15 Uhr in Freetown losgefahren und pünktlich (!!!!!) 10.01 Uhr im Compound von SLOIC Makeni aus dem Auto gestiegen. Und Director Ben war schon da, noch früher mit Afigu in Freetown gestartet. Deutscher als deutsch.), war um 16 Uhr alles über die Bühne und wir kamen vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Freetown an.

Hätten wir nicht noch Taxi für die zwei VIPs des Vocational and Higher Education Councils fahren müssen, wären wir sogar noch schneller wieder zuhause gewesen. So aber hatten wir u.a. nette Unterhaltungen über Ernährungsgewohnheiten und Parallelen in Sierra Leone und Deutschland.

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Schattenplätze – ein absolutes Muss!
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Der High-Table und sein
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Chairman in Aktion.

Chairman der Veanstaltung war der neu gewählte Chairman des Management Comittee. Und in seiner Einführungsrede ermunterte er die Graduierten, dass sie keine Drop-outs sondern Drop-ins seien und das Motto von SLOIC von Together we help ourselves zu Together we develop Sierra Leone erweitern sollen.

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Schwer zu erkennne im Bild – der Gebärdendolmetscher von St.Joseph, einer Schule für Hörbehinderte in Makeni
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Sister Paul, die Leiterin von St.Joseph, überreicht die ersten Zertifikate. Bei der Zahl der Fotografen belegte Makeni eindeutig denn ersten Platz.

Man lernt immer noch dazu. Hieer haben wir zum ersten Mal erfahren, dass SLOIC Makeni mit St.Joseph kooperiert und Inklusion in verschiedenen Ausbildungsbereichen praktiziert. Derzeit sind 7 Hörbehinderte in Ausbildung. Wieviele Graduierte am Samstag dabei waren, konnte ich niocht erfahren. Zwei waren es mindestens, siehe nächstes Bild.

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Sister Paul und Sister Elisa mit zwei ihrer „Schützlinge“

 

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Der Kurs in Gendersensitivity wirkt! Director Ben ließ mich die Zertifikate für Homemanagement und Sigi die Zertifikate für Elektricity überreichen.

Graduation ceremony in Bo

1024 Elektriker*innen, Bauhandwerker*innen, Metallarbeiter*innen, Hauswirtschafter*innen, Friseur*innen, Schreiner*innen, Klempner*innen und Automechaniker*innen (hoffentlich habe ich keine Berufsgruppe vergessen) haben in Bo ihre Zertifikate für den erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung erhalten. Wenn auch nicht alle an den 3-tägigen Feierlichkeiten teilnehmen konnten.Dass sie alle sehr stolz und glücklich bei der Überreichung ihrer Zertifikate durch die anwesenden VIPs (darauf komme ich noch mal zurück) wirkten, lag dabei bestimmt nicht an dem vom Centre ausgeliehenen, der Kolonialkultur geschuldeten Outfit. In unseren Augen eher befremdlich, die kreative Trageweise der Kopfbedeckung manchmal belustigend und das Einsammeln der Mäntel und Hüte in große ausgediente Reissäcke pragmatisch despektierlich. Das ist aber alles vollkommen irrelevant.

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Amkunft der Graduierten

Wichtig ist, dass hier die Looser des formalen Schulsystems sich selbst, ihren Familien und der Öffentlichkeit zeigen können, dass sie etwas geleistet haben und den Beweis dafür in Form der Zertifikate in Händen halten.
Nach 6 Jahren Primaryschool folgen in Sierra Leone 3 Jahre Junior Secondary School und 3 Jahre Senior Secondary School. Danach kann es an einer der Universitäten im Land weiter gehen. Wer irgendwo auf diesem Weg wegen nicht bestandener Prüfungen auf der Strecke bleibt, gilt deswegen als Looser. Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Zahl der Uniabsolventen mit Abschlüssen, die im Land keine Beschäftigungs-chance haben, zunimmt. Und deswegen Uniabschluss nicht gleichzeitig zukunftssicherer Arbeitsplatz bedeutet.

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Die seit einem Jahr neu gewählte Regierung unter Präsident Bio hat deswegen die Förderung der beruflichen Bildung ganz oben auf die Agenda geschrieben und plakatiert, dafür eine Summe von 3 Mrd. Leones zur Verfügung zu stellen. Also ca. 300 000 Euro für ALLE beruflichen Schulen im ganzen Land. “Besser als nix!”, scheint da der einzig mög-liche, positive Kommentar, wenn man berücksichtigt, welche Kosten für Werkzeug, Tariningsmaterialien und Technik bei den Schulen anfallen. Zusätzlich ist das Schulnetz noch gar nicht vollständig ausgebaut.

SLOIC hat sich seit 43 Jahren zum Ziel gesetzt, all denen, die aus dem formalen System herausfallen, eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen (OIC ist eine internationale Bewegung, ursprünglich in Amerika zur beruflichen Qualifkation schwarzer Jugendlicher gegründet), tuitionfree, d.h., ohne dafür Schulgebühren zu verlangen. Und diese Perspektive legt in einer handwerklichen Ausbildung, um anschließend selbsständig zu arbeiten oder in einem existierenden Betrieb angestellt zu werden. “Viele” (ich kann keine Zahlen nennen) sollen von weit her angereist sein, weil sie Beschäftigung z.B. in den Minen Sierra Leones gefunden haben.

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Der High-Table mit Honorationen und VIPs

Die zentrale Veranstaltung fand am Samstag mit vielen Reden, Vertreter*innen der Regierung und der kommunalen Gruppen und anderen VIPs (wie z.B. die beiden, perfekt gegenderten Vetreter*innen der internationalen Partner) statt. Die Hauptrede hielt in Bo die Vertreterin des Ministers für Vocational and Higher Education. Und nachdem ich in Lungi ja schon die Rede einer “richtigen” Minsterin gehört habe, kann ich feststellen: Das politische Geschäft, sich selbst und die Aktivitäten der Regierung als überaus erfolgreich darzustellen und mit einer Flut von Zahlen zu untermauern, wird weltweit perfekt beherrscht. Aber auch hier wird der Tag kommen, wo die “Honourable Member of Parliament” und die “wisdom of his excellency Minister/President XY” sich den kritischen Fragen ihres Wahlvolks stellen werden müssen.

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Und dann kam der große Moment der Übergabe der Zertifikate. Nach Berufen geordnet traten alle Graduierten in einer Reihe an, um zunächst von der Dame aus dem Ministerium einzeln eine Papierrolle mit Schleife überreicht zu bekommen (empirisch belegtes Grundwissen meiner Kolleg*innen sagt, dass nur noch wenige den Dankgottesdienst am nächsten Tag besuchen würden, wenn hier schon die richtigen Zertifikate ausgegeben würden. Mit dem Wissen um die anstrengenden Reiseverbindungen im Land absolut nachvollziehbar). Da aber jede Übergabe von den zahlreichen angeheuerten Profifotografen und ebenso zahlreichen Handyfotografen festgehalten wurde, kann man sich vorstellen, wie lange diese Prozedur dauerte. Zudem musste doch bei manchen erst noch das ganze Ornat in eine fotogene Form gebracht werden). Zum Glück für Frau Direktor aus dem Ministerium hat sich am Ende der ganze Tisch der Honorationen und VIPs in der Aufgabe der “Zertifikats”-Überreichenden abgelöst.

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Die resolute Chairlady schickte alle Graduates, die noch ihr Outfit richten mussten, sofort zurück in die lange Reihe. Mit passenden Kommentaren.

Bewundernswert fand ich noch den Einsatz der beiden Vertreter der aktuellen Auszubildenden, Presidents of Students Union. Natürlich waren nach diesem langen Tag (begonnen hatte alles um 10.30 Uhr, inzwischen war es 17.30 Uhr) alle, die ihr Foto im Kasten hatten, mit Familie und Freund*innen losgezogen. Director Ben hatte den Honorationentische zu einem Refreshment in sein Büro gebeten. Alle Reihen waren somit gelichtet. Auf dem Programm standen aber noch Dankesworte der Auszubildenden. Und dewegen stiegen die Beiden auf’s Podium, traten an das Mikrofon und verlasen ihre extra verfasste, kleine und sehr gelungene Rede.

Am Sonntag der Dankgottesdienst, Open Air wegen der großen Zahl von Garduierten. Hauptsächlich christlich geprägt, aber ganz selbstverständlich mit Beteiligung muslimischer Geistlicher und Gebete an geeigneten Stellen. Beeindruckend war hier für mich, zu sehen, wie viele der Sierra Leoner*innen “bireligiös” bewandert sind, das heißt die christlichen Gebete und Lieder genauso beherrschen wie die muslimischen.

Im Anschluss an den Gottesdienst sollte der große Marsch durch die Straßen Bos folgen. Nochmal ein großer Moment für alle Graduierten, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie etwas geleistet haben. Der Zeitplan war nahezu perfekt eingehalten bis – Director Ben das Mikrofon ergriff. Was er zum Besten gab, weiß ich nicht. Mein Krio und die Lautsprecher zu schlecht und Witze zu verstehen ist in jeder Fremdsprache das krönende Schlusselement beim Sprachdiplom.

Je lustiger die Stimmung wurde, desto mehr Geschichten fielen Director Ben ein, und die drei Marschkapellen, die inzwischen mit den SLOIC-Autos herangebracht worden waren, waren längst uniformiert und in Marschformation angetreten, als es dann losgehen konnte.

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Los geht’s. 3 Marching Bands stehen (seit längerem) bereit, ihre jeweiligen Abteilungen anzuführen.

Honorationen und VIPs blieb der Marsch erspart, weil inzwischen die Mägen knurrten und Mrs. Sei die selbstverständlich von ihr vorbereiteten Kassava leafs mit Reis aus dem Auto geholt hatte. Da die Zahl der Teller beschränkt war, aßen immer mehrere Personen von einem, allerdings entsprechend großen, Teller. Nichts Ungewöhnliches, nur Sigi und ich bekommen in der Regel einen eigenen oder gemeinsamen Teller. Nachdem sie alle bedient hatte, aß Mrs. Sei in der Ecke zusammen mit Afigu. Etwas, was Afigu niemals mit Mr.Sei oder mir machen würde.

 

Nach dem Essen konnte ich dann Afigu und Mr.Smith dazu überreden, zu Fuß in der Stadt nach den „marching graduates“ zu suchen und wenigstens den Abschluss zurück zu SLOIC mitzugehen. Es war einfach beeindruckend, diese Masse fröhlicher junger Menschen in Begleitung mehr oder weniger schräger Marschmusik zu sehen, wie sie den Verkehr in Bos Hauptstraßen zum Erliegen brachten und allen in der Stadt zeigten „Wir haben es geschafft!“.

Und ihre Begeisterung an diesem Tag wurde auch nicht dadurch getrübt, dass sie erfahren mussten, ihre Zertifikate erst am nächsten Tag im Sekretariat zu erhalten. Erst mal musste noch geprüft werden ob wirklich alle Gebühren für Zeugnisse, Urkunden, Ornat etc. bezahlt worden sind. Und so gab es an diesem Tag eben nur mal die Bescheinigung über die im Rahmen der Ausbildung erlangten Fertigkeiten.

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Rückkehr zu SLOIC Bo und Abschluss des Tages.

Graduation in Lungi – ein Lichtblick

Kann es Zufall sein, dass unmittelbar nach diesen schlimmen Gewaltausbrüchen in Freetown die Graduation in SLOIC Lungi Anlass zur Hoffnung gibt?

Graduation heißt, dass alle Jugendlichen (eine Handvoll ältere Menschen waren auch darunter), die im Laufe des letzten Jahres ihre Ausbildung und Praktika abgeschlossen haben, ihre dazu gehörigen Zertifikate in einer großen, feierlichen Zeremonie überreicht bekommen haben.

Teil dieser Feier ist auch, dass die aktuellen Auszubildenden ein kleines, selbst geschriebenes Theaterstück aufführen. Damit ist es nahezu selbstverständlich, dass das Stück auch mit der Lebenswelt der jungen Menschen zu tun hat.

Sieht man davon ab, dass die (angemietete) imposante Lautsprecheranlage bzw. die Funk-Mikrophone mangels frischer 9V-Batterien des öfteren den Dienst aufgaben, und dass das Stück bei der Ankunft der verspätet kommenden Resident Ministerin unterbrochen werden musste, um Frau Minister gebührend zu begrüßen, war dieses Stück das Highlight der Veransatltung.

Es ging um das Schicksal der jungen Marion, die mit einem herrischen, testosteron-gesteuerten Partner das Leben mit drinking, smoking und clubbing verbrachte. Von diesem Leben wollte sie Abstand nehmen, was ihr Partner und ihre sturzbetrun-kenen Freundinnen gar nicht gut fanden.

Jetzt wird es ein bißchen zur soap-opera: Als sie völlig alleine auf der Straße stand, kamen ihr 3 Auszubildende von SLOIC über den Weg, eine von ihnen freundete sich mit ihr an und eröffnete ihr den Weg zu einer Ausbildung bei SLOIC.

Dort lernte sie einen jungen Mann kennen, der höflich und rücksichtsvoll mit ihr und anderen Frauen umging. Sie verliebte sich in ihn, aber jetzt kam ihr alter Partner wieder in’s Spiel und funkte dazwischen. Und es gelang ihm tatsächlich, den Kontrahenten so einzuschüchtern, dass es nicht zu der (von mir) erwartenden Hochzeit der Beiden kam.

Trotzdem gab es noch ein gewisses Happy-End: Der nette, Frauen respektierende Mann wurde zum erfolgreichen Direktor einer Berufsschule, der in der Schlusszene die erfolgreiche Abschlussprüfung einer Elektrikerin (!!!) leitete. Zudem war er auch noch so großzügig, seinem alten Widersacher, der es zu gar nichts gebracht hatte, mit einem größeren Geldbetrag aus der Patsche zu helfen.

Die überzeugende schauspielerische Darstellung der „negativen“ Charaktere, lässt darauf schließen. dass auf reichlich Alltagserfahrung zurück gegriffen wurde. Ebenso wie die „positive“ Rolle des jungen Mannes für mich sehr authentisch dargestellt schien. Das alles, ohne dass es so etwas wie eine Theater-AG an den SLOIC-Zentren gäben würde.

Ich war jedenfalls sehr beeindruckt und hoffe, dass sich diese Rollen-Modelle bei den Jugendlichen in ihrem Ausbildungsjahr weiter verfestigen und bei den Abschlussklassen ihre Spuren hinterlassen haben. Es wäre ein großere Beitrag zu einem friedlicheren Sierra Leone.

Gunther

HILL STREET … hat seine Unschuld verloren.

#4 Hill Street, Freetown, ist eines von mehreren, solide gebauten und mit, wie hier üblich, starken Gittern vor den Fenstern versehenen Gebäuden.
Einige der Nachbargebäude haben eine ansehnliche Sammlung von Grünpflanzen auf den Balkonen, was dem roten Staub, der von der nicht geteerten Hill Street aufsteigt ein bißchen Paroli bietet.
Nicht stören sollte man sich auch an den Mauern, die die Grundstücke umgeben und oben mit eingemauerten Glasscherben oder, professioneller, mit Stacheldraht bewehrt sind. Auch das ist üblich zur Sicherung der Grundstücksgrenzen.

Daneben gibt es mehrere offene Flächen, für die es offenbar keine Besitzansprüche gibt (da nicht eingzäunt) und die von Menschen “besetzt” werden, die sonst keine Chance zum Wohnen hätten. Zu erkennen an den dicht bei dicht stehenden Wellblechunterkünften einfachster Bauart. Bei unseren Nachbarn handelt es sich hauptsächlich um Müllsammler, die mit ihren großen Metall-Handkarren durch die Straßen ziehen, den Müll mitnehmen und nach noch verwertbaren Stoffen durchsuchen.

Von meinem Bürofenster im 3.Stock aus habe ich einen schönen Blick auf unseren Parkplatz, die open-air-Werkstatt der neben uns liegenden Autowerkstatt und die kleine Wellblechsiedlung der Müllsammler.

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Die „Boy-Gang“ heckt Pläne aus

Seit ich hier arbeite, nehme ich mir mehrmals am Tag die Zeit für einen Blick aus dem Fenster. Sei es, um die Durchfahrt großer Betonmischer zur Neubau-Baustelle eines begüterten (?) Militärs weiter oben an der Straße zu beobachten, oder um den jungen Männern der Werkstatt ein Weilchen dabei zuzuschauen, wie sie ohne Hebebühne oder Flaschenzüge ganze Motoren aus- und wieder zusammenbauen oder, wenn gar nichts mehr hilft, Autos mit Meisel und Hammer in brauchbare Recycling-Teile zerlegen. Beides Kunststücke, um die nicht viel Aufhebens gemacht wird.

Am schönsten aber ist es, den Kindern zuzuschauen, wie sie sich die Zeit vertreiben. Es gibt eine “Boy-Gang”, die mal Fussball spielt, mal sich Mutproben ausdenkt, mal alte Autoreifen über das Gelände rollt, mal Kung-Fu-Fighting zelebriert oder, wie heute, Schlitten fährt mit alten Palmöl-Kanistern. Auf jeden Fall immer in Aktion, mit immer neuen Spielideen. In Schuluniform habe ich sie noch nie gesehen, vermutlich, weil das Geld fehlt. Ältere Kinder sehe ich sehr wohl zur Schule gehen und damit ist möglicherweise das Budget erschöpft.

Mein Liebling ist Claras Schwester. Ich habe sie für mich so getauft, weil sie altersmäßig nicht ganz so weit weg sein kann von Clara (unserer Enkeltochter). Sie kann aber, wenn auch manchmal etwas unsicher, schon laufen und durchstreift manchmal Hand in Hand mit ihrer ein kleines bißchen älteren Schwester aus der Nachbarschaft das Gelände, um die Welt zu entdecken.

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Eine von Claras Schwestern hat ein Heft entdeckt. Später haben es die Jungs gelesen, danach gab es nur noch lose Blätter. :-))

Am Nachmittag des 21.März zeigte sich die Welt, in der diese Kinder aufwachsen von einer anderen, sehr düsteren Seite. Eine junge Frau hatte den Platz hinter den Autos mit Waschschüsseln und Waschbrett belegt Irgendwann wurde es laut, sie war in einem

Streitgespräch mit einem jungen Mann. Worum es ging, weiß ich nicht, da Krio gesprochen wurde.

Die Lautstärke nahm zu, sie versuchte von ihm wegzugehen, er aber immer wieder hinter ihr her, bis sie sich wieder mit ihrer Wäsche beschäftigte. Da er aber weiter auf sie einschrie, richtete sich noch einmal auf und erwiderte in gleicher Lautstärke. Und es geschah, was ich befürchtet hatte: Er warf den Becher weg und schlug sie brutal mehrmals ins Gesicht bis sie zu Boden ging.

Ich war inzwischen zu meinen Kolleg*innen von FAWE (einer NGO, die sich für Frauen-bildung einsetzt) in das Ergeschoss runter gegangen, in der Hoffnung, von dieser Gruppe Unterstützung bei der Gewaltbeendigung zu erhalten. Alle hatten sich aber in der Zuschauerrolle eingefunden, keiner wollte sich einmischen. Da verließ mich dann auch der Mut und außer “Stop it!” zu rufen, fiel mir nicht mehr ein.

Nachdem es dann doch einem Mann gelungen war, sich schützend vor die Frau zu stellen und sie in eine der Wellblechüberdachungen abzudrängen, hatte sie zwei faustgroße Steine entdeckt und nach ihrem Widersacher geworfen. Zum Glück für ihn nicht getroffen, zu ihrem Nachteil war sie wieder ungeschützt und die Schlägerei ging in die nächste Runde, bis beide am Boden lagen und jetzt endgültig getrennt wurden. Die Frau lief dann sehr schnell weg. Sie sei zur Polizei gegangen, um Anzeige zu erstatten, sagten die FAWE-Kolleg*innen.

Ich hatte dann noch ein längeres Gespräch mit meinem Kollegen Mr. Massaquoi, um den Schock dieses Gewaltausbruches und eigentlich noch mehr der nicht erfolgten Verhin-derung durch die Umstehenden zu verdauen. Das sei normal, passiere regelmäßig. Alkohol, Rauschgift und Frauen, die angeblich Männer betrügen, spielten die größte Rolle.

Und wenn es dann in Gewalt endet, dann wird es am nächsten Tag schon im Sand verlaufen, weil keiner will, dass der Verursacher, der Ernährer einer Familie ist, im Gefängnis landet. Auch die Geschlagene nicht. Einzige Ausnahme ist, wenn es zu Todesfällen kommen könnte, dann wird eingegriffen. Weil das bedeuten würde, dass erst mal alle, die dabei standen, in den Knast kommen, bis der/die Schuldigen gefunden sind.

Das ist eine Welt, wie sie in jeder Gesellschaft existiert, auch in unserer. Ich bin mit ihr nur noch nie in Berührung gekommen und habe sie auch noch nie so öffentlich wahrge-nommen. Hier werde ich mich daran gewöhnen müssen, dass sie in unmittelbarer Nähe immer wieder exzessiv sichtbar wird.

Gunther

Palmöl, FIAN und Salone

Vor Kurzem erreichte uns per e-mail die Pressemitteilung von FIAN über eine Bekannte aus dem EPiZ-Team mit der Frage, ob wir von diesen Vorfällen etwas mitbekommen hätten.

Hatten wir in diesem Ausmass nicht, aber wir hatten eine Kurzmitteilung per whatsapp in unserer CPS(Civil Peace Service)-Gruppe erhalten, in der es um eine Petition zur Freilassung einer der führenden Frauen gegen Landgrabbing aus der Region ging.

Palmöl ist das wichtigste Lebensmittel in der traditionellen Ernährung in Sierra Leone. Bei der Fahrt über Land sieht man überall die Ölpalmen und Männer mit Machete und der speziellen, wie eine grosse Acht aussehende Steighilfe, die bei der Ernte benötigt wird (das ist erst mal eine Vermutung. Ich konnte leider noch keinen begleiten und bei der Arbeit beobachten).

Quiz: Wem fällt beim Lesen was zu SLOIC ein? Richtig, ich hatte schon geschrieben, dass das Centre in Mattru Jong Ölpalmen durch seine Agriculture-Abteilung angepflanzt hat, um in etwa 4 Jahren durch Ernte und Palmöl-Verkauf Einnahmen für die Schule zu generieren.

Sind jetzt etwa europäische Firmen an der Ernährungssicherung in Sierra Leone durch Palmöl-Plantagen interessiert? Ich glaube nicht.

Seit dem Boom von Bio-Sprit, dem Klima zuliebe, ist Palmöl für die Globalplayer ein attraktives Produkt geworden, neben seinen bisher schon einzigartigen Eigenschaften als Zusatzstoff in vielen global zu vermarktenden Produkten.


Wir sind bei unserer Vorbereitung beim Thema Landgrabbing bereits auf die Verwicklungen von europäischen Firmen in Sierra Leone gestossen. Der NDR hat in seiner Sendung Panorama darüber sogar ausführlich berichtet. Bitte anschauen.

Direkter link:  NDR Panorama-Beitrag zu ADDAX
Sonst URL eingeben:    http://www.youtube.com/watch?v=vkXcG7ZPy4A
Diverse weitere Beiträge finden sich unter http://www.youtube.com bei der Suche nach landgrabbing sierra leone

Insofern kann ich nur sarkastisch feststellen: Business as usual. Aber scheinbar legal, sonst könnte die Staatsmacht doch nicht zuschlagen? Natürlich gibt es Verträge und Vertreter der Kommunen und Distrikte, die sie unterzeichnet haben. Bemerkenswert aber ist, dass immer mehr der dirket betroffenen Menschen in Sierra Leone (mit Unterstützung internationaler Programme, SLADEA hat das Thema auch auf seiner Agenda) die Dinge nicht einfach geschehen lassen, sondern sich zur Wehr setzen und ein Mitspracherecht einfordern.

Bewundernswert, wenn man sieht, welche Konsequenzen das haben kann.

Gunther

FIAN-Pressemitteilung vom 21. Februar 2019

Sierra Leone: Landnahme durch Palmöl-Firma SOCFIN beenden

Einen Monat nach neuen gewaltsamen Vorfällen auf den SOCFIN-Plantagen in Sierra Leone, die zu brutaler Repression und dem Tod von zwei Personen führten, analysiert ein Bericht der Menschenrechtsorganisation FIAN den Landkonflikt aus menschenrechtlicher Perspektive. Eine Koalition von sierra-leonischen und internationalen Organisationen fordert die Regierung von Sierra Leone sowie ihre internationalen Partner auf, LandrechtsverteidigerInnen zu schützen und die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen zu stoppen.

Seit 2011 hat das multinationale Unternehmen SOCFIN mehr als 18.000 Hektar Land für industrielle Palmölplantagen im Süden von Sierra Leone (Malen Chiefdom, Bezirk Pujehun) erworben. Seitdem tobt ein Landkonflikt zwischen SOCFIN, den lokalen Behörden und den betroffenen Gemeinden.

Der Konflikt hat in jüngster Zeit ein neues Ausmaß von Gewalt erreicht: am 21. Januar wurden nach einer Auseinandersetzung zwischen EinwohnerInnen, der Polizei und dem Militär zwei Menschen erschossen. Kurz darauf wurden in den umliegenden Dörfern Polizei- und Militärrazzien durchgeführt. Menschen wurden geschlagen, Häuser zerstört und Eigentum geplündert. Hunderte Personen flohen aus ihren Häusern. Die Polizei verhaftete 15 Personen und setzte damit eine lange Reihe willkürlicher Verhaftungen und gerichtlicher Schikanen gegen LandrechtsaktivistInnen der Organisation MALOA (Malen Land Owners and Users Association) fort.

Einen Monat nach den tragischen Ereignissen veröffentlicht die belgische Sektion der Menschenrechtsorganisation FIAN heute den Bericht „Land Grabbing for Palm Oil in Sierra Leone: Analysis of the SOCFIN Case from a Human Rights Perspective „. Der Bericht dokumentiert die Aktivitäten von SOCFIN in Sierra Leone und zeigt auf, wie das Unternehmen mit Unterstützung nationaler und lokaler Eliten die lokale Bevölkerung hindert, ihre Rechte wahrzunehmen. Analysiert werden unter anderem Auswirkungen auf die Rechte auf Nahrung, Wasser, Bildung und eine gesunde Umwelt sowie die Rechte von Arbeitnehmenden, Fraün und älteren Menschen.

Der Bericht dokumentiert zudem Hinweise auf Korruption und mangelnde Transparenz: große Geldbeträge, die den Grundeigentümern als Pachtzahlungen zukommen müssten, flossen stattdessen von SOCFIN an lokale Eliten – ohne jegliche Transparenz, wie die Mittel verwendet wurden. Darüber hinaus deckt der Report eine große Diskrepanz zwischen den Versprechungen von SOCFIN im Rahmen ihres Aktionsplans zur sozialen Unternehmensverantwortung und der Realität vor Ort auf: von den 16.433.375 US Dollar, die SOCFIN angekündigt hatte (für Gebäude, Straßen, Schulen, Krankenhäuser, ein Vertragslandwirtschafts-Programm etc) wurden zwischen 2011 und 2017 lediglich 2.583.784 Dollar tatsächlich verausgabt.

Seit Beginn der Tätigkeit von SOCFIN wurden die Gemeinschaften, die sich gegen das Landgeschäft wehrten, systematisch kriminalisiert, was in den tragischen Ereignissen des letzten Monats gipfelte. Hunderte von LandrechtsverteidigerInnen wurden willkürlich verhaftet und juristisch schikaniert. Vor diesem Hintergrund fordern 34 sierra-leonische und internationale Organisationen den Staat Sierra Leone und seine internationalen Partner dringend auf:

• die sich noch im Gefängnis befindlichen LandrechtsaktivistInnen von Malen unverzüglich freizulassen (es sei denn, es liegen eindeutige Beweise für Straftaten vor), alle Formen der Kriminalisierung zu beenden und den Schutz der MenschenrechtsverteidigerInnen zu gewährleisten;

• die von den Gemeinschaften in Malen erlittenen Menschenrechtsverletzungen und -verstöße zu beheben und eine dauerhafte Lösung des Konflikts zu finden. In einem ersten Schritt fordert MALOA die Regierung auf, eine gründliche Untersuchung des Falls durch unabhängige MenschenrechtsexpertInnen einzuleiten, die als Grundlage für Maßnahmen zur Behebung aller Menschenrechts-Verletzungen vor Ort dient.

Darüber hinaus fordern die Organisationen die internationale Gemeinschaft (Afrikanische Union, Vereinte Nationen, EU-Außendienst, die Heimatstaaten von SOCFIN, Partnerstaaten von Sierra Leone etc) auf:

• aktive Maßnahmen zum Schutz der Menschenrechtsverteidiger zu ergreifen, einschließlich einer Überwachung der Situation der inhaftierten Personen und der lokalen Bevölkerung;

• alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um sicherzustellen, dass SOCFIN die Menschenrechte achtet, Haftung für Menschenrechtsverletzungen übernimmt und für alle Missbräuche im Zusammenhang mit seinen Geschäften in Sierra Leone verantwortlich gemacht wird;

• alle verfügbaren Mittel der Diplomatie zu nutzen, um eine daürhafte Lösung für den Konflikt zu finden, die auf den Rechten und Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung basiert.

Luxemburg, die Schweiz und Belgien sind die Heimatstaaten von SOCFIN. Heimatstaaten sind aufgrund der Menschenrechtsnormen verpflichtet, die Bevölkerung in den Gaststaaten der Unternehmen vor der Beeinträchtigung der Menschenrechte durch diese Unternehmen zu schützen und den Opfern Zugang zu Rechtsmitteln zu gewähren. Die Forderungen richten sich auch die deutsche Bundesregierung, die im Jahr 2014 eine Landpartnerschaft mit der Regierung von Sierra Leone eingegangen ist.

Der vollständige Bericht: http://www.fian.be/Land-Grabbing-for-Palm-Oil-in-Sierra-Leone

Unterstützende Organisationen

Organisationen in Sierra Leone

Amnesty international – Sierra Leone

Green Scenery

Human Rights Defenders Network-SL

Mankind’s Activities for Development Accreditation Movement (MADAM)

Network Movement for Justice and Development

Sierra Leone Network on the Right to Food (SiLNoRF)

Internationale Organisationen

Action Solidarité Tiers Monde, Luxemburg

AEFJN International

AEFJN antenne belge, Belgien

Association Française d’Amitié et de Solidarité avec les Peuples d’Afriqü (AFASPA), Frankreich

CNCD-11.11.11 Belgien

Convergence Globale des Luttes pour la Terre et l’Eau – Guinée Guinea

Convergence Globale des Luttes pour la Terre et l’Eau Oüst Africaine Coordination Regionale

COPAGEN, Elfenbeinküste

Ecumenical Association for Sustainable Agriculture and Rural Development (ECASARD),Ghana

Enda Pronat, Senegal

Entraide et Fraternité Belgien

FIAN Belgien

FIAN Deutschland

FIAN International

FIAN Schweiz

FIDH dans le cadre de l’Observatoire pour la protection des défenseurs des droits de l’Homme Int

Ghana National Convergence Platform of CGLTE-OA, Ghana

GRAIN International

OMCT dans le cadre de l’Observatoire pour la protection des défenseurs des droits de l’Homme

Int

ONG Jeunes Volontaires pour l’Environnement (JVE) Elfenbeinküste

ReAct Frankreich

Réseau d’information et d’appui aux ONG nationales (RIAO-RDC), DR Kongo

SOS Faim, Luxemburg

SOS Faim , Belgien

Synaparcam, Kamerun

SYNTAP, Burkina Faso

The Oakland Institute International

West African Human Rights Defenders Network (ROADDH/WAHRDN), West Afrika

Improve the quality of life …

IMG_4066In der Einfahrt zum Community Education Centre  von SLADEA in Bo werden die Besucher*innen mit diesem Schild empfangen.
Das Motto: ‚Education for Self-Reliance‘
Die Vision: ‚Improve the quality of life of the adult population in Sierra Leone‘

Bei meinem Besuch konnte ich Eindruecke sammeln, was sich dahinter verbirgt.

In Bo vermitteln von Brot fuer die Welt finanzierte ‚Facilitators‘ (und sie legen Wert darauf, so und nicht als ‚Lehrer‘ bezeichnet zu werden) jeden Morgen Themen wie oben links auf dem Schild beschrieben: Literacy, Numeracy, Peace and Conflict / Non Violence and Mediation, Human Rights, Environmental Education, Health/HIV/AIDS Education, Gender and Development, Culture and Development und Voter Education.

Nachmittags geht es praktisch weiter: ehrenamtliche Tutor*innen geben Kurse im Weben, Schneidern, Seife herstellen, Hair Dressing und Catering. Das Bild rechts zeigt einen Tutor mit einer Schuelerin, die ein langes Band in den Farben von Sierra Leone webt. In der Mitte weitere solche Baender. Die Produkte koennen dann zu Taschen, Rucksaecken oder Kleidungsstuecken weiter verarbeitet werden.

Zum Konzept gehoert, dass die beiden Bildungsbereiche Algemeinbildung und praktische Faehigkeiten verknuepft werden, z.B. unter dem Begriff ‚functional literacy‘.

IMG_4079Bei meinem Antrittsbesuch in Bo war ich sehr beeindruckt von dem Bildungszentrum.
Die Herausforderungen, die im gemeinsamen Meeting mit Schueler*innen, Lehrenden, der Koordinatorin, dem Vorsitzenden und Mitgliedern (siehe Bild) geaeussert wurden, sind jedoch gross.

  • Die Ausstattung fuer die praktischen Faecher ist unzureichend.
  • Die Arbeit der Tutor*innen sollte entlohnt werden.
  • Dafuer waere es wichtig, dass das Bildungsministerium SLADEA als Traeger der non-formalen Ausbildung anerkennt.
  • Die Inhalte der praktischen Faecher und der die Produkte sollen so veraendert werden, dass sie den Produkten und Dienstleistungen entsprechen, die Kund*innen benoetigen. So aeusserte sich der Vorsitzende der Branch mit der Begruendung, dass sich in einer globalisierten Welt Wuensche und Beduerfnisse staendig aendern.

Uebereinstimmend wurde festgestellt, dass das Zentrum auf die bisherigen Angebote stolz sein kann, nun aber  bereit ist, Energie und kreative Ideen in die notwendigen Aenderungsprozesse zu investieren.

Ohne dem Prozess und den Eintscheidungen der Branch vorgreifen zu wollen, sammle ich schon seit einiger Zeit Produktideen, die im Fairen Handel in Deutschland gut ankommen wuerdern.

Dabei habe ich zum Beispiel diesen Stuhl entdeckt:

Stuhl_1

Eure Ideen sind willkommen.

Sigi