Cleaning Day und Environment

Samstag, 6.Juli 2019, erster Samstag im Monat, also, wie schon erwähnt, cleaning day.

Zusätzlich gab es an diesem Tag lang anhaltende, intensive Regenfälle, und ich stand am frühen Nachmittag auf einem unserer Balkone, um die reißenden Fluten des kleinen Gebirgsbachs, der sich auf dem Nachbargrundstück immer bildet, zu beobachten.

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Wild River Ibrahim Drive – hier komm alles Wasser zusammen, das den Berg herunter kommt

Da flog aus dem Stockwerk unter uns eine leere Plastikflasche in hohem Bogen über die Grenzmauer und landete, wie geplant, in den Fluten zur Entsorgung. Schade, dachte ich, weil Alhaji alle unsere Flaschen sammelt und bei der Abgabe an einer Sammelstelle zum Recycling einen kleinen Zusatzverdienst bekommt.

Die Flasche war aber nur der Anfang. Es folgten noch zwei große Plastiktüten voller Müll. Die Tatsache, dass alles im Bach landete, war für mich Beleg dafür, dass da jemand gut geübt war in dieser Form der Müllbeseitigung. So wie diejenigen, die direkt an diesen Regen-Wasserläufen wohnen, ihren Müll kontinuierlich in den Graben kippen. Beim nächsten Regen ist er weg und “entsorgt”.

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Der Müll-Entsorgungs-Platz der Nachbarschaft.

Die Folgen konnte ich dann am Montag bei der Fahrt zu unseren Büros beobachten. Im ganzen Stadtteil gab es nicht eine Straße, die nicht überflutet gewesen wäre. Der Müll in Kombination mit der ganzen Erde, die aus den Berghängen ausgeschwemmt wird, verstopft die seitlichen Abwasserrinnen an den Straßen, diese laufen über und das Erde-Müll-Gemisch verteilt sich auf der Straße. “Weil die Rinnen viel zu klein sind.” ist die meist gehörte Meinung der Müll-in-den-Graben-Werfer.

Bei einer Internet-Recherche zur Regenwaldzerstörung in Sierra Leone bin ich auf zwei Filme zum Thema Besiedlung und Umwelt in Freetown gestoßen,die sehr informativ sind. Der große Erdrutsch ist direkt bei uns um die Ecke im Nachbartal passiert und als Mahnmal überdeutlich zu erkennen. Und auch die Zustände in den Slums von Freetown kann man sehr gut beobachten, wenn man über die Brücken der Stadt darüber hinweg fährt.

https://www.youtube.com/watch?v=dvTmqnVpSng Freetown environment

https://www.youtube.com/watch?v=OmW3S1rTwX0&app=desktop mudslide

Samstag, 3.8.2019, wieder cleaning day. Die Tage zuvor schüttete es ohne Ende und speziell Freitag wäre ich nicht aus dem Haus, wenn nicht eine wichtige Sitzung zum International Peace Day terminiert gewesen wäre. Schon die Teilnemer*innenzahl war wettergemäß sehr reduziert, weil das Haupttransportmittel Motoradtaxi nicht mehr unterwegs war, und während der Sitzung erreichten uns aktuelle Bilder von Straßen in Freetown, die völlig unter Wasser standen und reißenden Flüssen durch die Stadt bergab Richtung Meer. Wir nutzten dann die erste Glegenheit, bei der der Regen etwas nachließ, um mit den zur Verfügung stehenden Landcruisern alle Kolleg*innen sicher in die Stadt zu bringen.

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Sanders Street, die „Hauotstraße Freetowns, direkt vor Sigis Büro am Freitag, 2.8.2019

Bei mir fuhr Aminata, eine Radiojournalistin von Culture Radio Sierra Leone mit: „Das passiert jedes Jahr und wir alle in Freetown wissen warum. Jede*r wirft seinen Müll in die Wassergräben und Straßendrainagen bis alles verstopft ist und überläuft“.

Als ich oben am Berg im Ibrahim Drive ankam, war gerade die Tochter aus einem der Nachbarhäuser mit diversen Plastiktüten trotz, oder besser gerade wegen, strömenden Regens unterwegs. Der ganze Müll und weitere 3 Mülltransporte landeten in dem reißenden kleine Strom, der hier am Haus vorbei bergab führt. Am Samstag hätte man/frau alles nur oben an der Hauptstraße abstellen müssen und es wäre von der städtischen Müllentsorgung mitgenommen worden.

Bisher war das mit einem Kopfschütteln noch zu ertragen, dieses Mal bekam es einen besonderen Touch: 5 Menschen sind in den Fluten am Freitag umgekommen, ich weiß nicht wieviele der vielen in den Wellblechsiedlungen obdachlos geworden.

Die beiden youtube-Videos zeigen die Zustände am Freitag. Eine der Kreuzungen, die hier völlig unter Wasser steht, hatte ich noch rechtzeitig auf dem Weg zu unserem Treffen passieren können.

https://www.youtube.com/watch?v=GFbhcAJJ-9M

https://www.youtube.com/watch?v=10FRLj1iAYY

 

Gunther

Warum sind in Sierra Leone so viele Haeusser nicht zu Ende gebaut?

Diese Frage stellen wir uns seit wir hier sind.

Diese Bilder habe ich alle in unmittelbarer Umgebung unseres Appartments gemacht.

Vor Kurzem habe ich die Frage nach dem Warum einem Kollegen bei einer Fahrt durch Freetown gestellt. Er hatte eine Erklaerung parat.

Waehrend der Ebola Krise in Sierra Leone (2014 – 2016) war es fuer Hilfsorganisationen keine leichte Aufgabe, Freiwillige zu finden, die bereit waren bei der Aufklaerungsarbeit ueber die Krankheit, der Verteilung von Medikamenten oder den sicheren und wuedevollen Beerdigungen mitzuhelfen. Fuer ein Tageshonorar von 500.000 Leone (ca 50 Euro, entspricht dem monatlichen Mindestlohn in Sierra Leone) konnten jedoch Helfer*innen gewonnen werden – Ein Lohn, den sich die Leute sicherlich verdient haben.

Fuer viele war das ploetzlich unheimlich viel Geld. Einige haben es in das Bauen von Haeusern investiert – Haeuser fuer sich selbst oder zur Vermietung. Sicher eine gute Geldanlage, vor allem auf dem Hintergrund der hohen Inflationsrate. Da die Krise Gott sei Dank nach 2 Jahren beendet war, war das gesparte Geld oft nicht ausreichend um zu Ende zu bauen. Und selbst fertige Haeusser finden oft nicht die Mieter, die in der Lage sind, die Mieten zu bezahlen.

Sigi

‚Handy got legs‘ oder ‚witchcraft‘, ja bitte?

Bei unseren drei taegigen Besuchen in den Bildungszentren von SLADEA im Rahmen von ‚Empowering SLADEA‚ uebernachteten wir oft kostenlos bei Mitgliedern der Freiwilligenorganisation, manchmal auch in nahe gelegenen Gaestehaeusern. Meine Kolleg*innen sagen, wenn sie mit einer weissen Person unterwegs sind, sei das unter Umstaenden die sicherere Variante. Denn auf Grund der grossen Armut ist die Anwesenheit einer solchen Person ein Anziehungspunkt fuer Diebstahl. Und in Gaestehaeusern gibt es oft eine rund um die Uhr Security auf dem Gelaende.

Und so erlebte ich mein erstes kleines Abenteuer. Wir sassen unter einem Mangobaum im Garten eines Gaestehauses, mein Fairphone neben mir. Beim Aufbruch zum Zentrum hab ich es da, ups, liegen lassen. Als ich das bemerkte, fuhren wir schnell zurueck zum Mangobaum. Da lag es nicht mehr und ein Anruf ging ins Nichs, das Handy war abgeschaltet. Die Kolleg*innen beruhigten mich erst einmal und wiesen mich an, mich zu setzen mit dem Kommentar ‚dein Phone kommt wieder‘ – es fiel mir etwas schwer daran zu glauben.

Das Team entfaltete nun detektivische Kraefte und die erste Idee, dass jemand aus dem Dorf, der Mangos gesammelt hatte, das Handy genommen haben koennte, wurde schnell beiseite gelegt. Das war ein kleines Maedchen, dem niemand zutraute, das Handy auszu schalten.

Naechste Beobachtung: ein brauner Stuhl war nicht mehr da, wurde also beiseite geraeumt. Hat die Person vielleicht auch dem Handy Beine verliehen? Die Person wurde gefunden – ein junger Mann, der fuer die Versorgung der Zimmer mit Wasser etc. zustaendig war. Er wusste aber nichts von einem Handy. Die Kolleg*innen bezweifelten das …

Sie kuendigten an, dass sie gleich am naechsten Tag einen „Sorcerer“ beauftragen wuerden, den Dieb zu finden – mit promptem Erfolg. Das Handy wurde ploetzlich von ihm gefunden mit dem Kommentar, es habe auf der Treppe gelegen, sei wohl aus meiner Tasche gefallen und haette sich beim Sturz von selbst ausgeschaltet. Mhmmm …

Ich war natuerlich uebergluecklich und auch froh, dass das Team dann keine grosse Sache (z. B. Polizei einschalten) aus dem Vorfall gemacht hat. Wir waren uns einig, dass mein Leichtsinn fuer den Mann, sicher sehr gering bezahlt, eine grosse Versuchung darstellte und dass meine Kollegin Wuyata, Youthleader von SLADEA, in Zukunft meine Handy Sicherheitsbeauftragte sein wird :-). Ich werde jetzt von ihr regelmaessig auf Reisen befragt, wo sich mein Handy befindet. Ausserdem: Gaestehaeuser sind wohl doch nicht immer die sicherere Variante.

Aber woher konnten sich meine Kolleg*innen so sicher sein, dass ihre Drohung funktioniert? Sie berichteten mir detailreich von verschiedenen Faellen, bei denen ein ’sourcerer“ Diebe ausfindig gemacht hat. Voraussetzung sei, dass sich der Personenkreis der Verdaechtigen eingrenzen laesst wie in diesem Fall.

Nachdem ich die Frage, ob es in Deutschland auch solche Leute gibt, verneinte mit der Bemerkung, dass Hexen bei uns im Mittelalter verbrannt wurden, erntete ich Bedauern. „Wir haben in Sierra Leone davon einige sehr starke, vor allem in dieser Gegend“ meinten sie …

Sigi

 

 

On the road – 13 Jahre nach dem Buergerkrieg …

… fahren wir von Bo nach Pujehun,
eine Strasse, die nur zu Teil geteert ist und ansonsten ‚gravel road‘
mit manchen Schlagloechern und nicht so glatt wie auf dem Titelbild, die sich in der Regenzeit mit Wasser fuellen und die Fahrer*innen vor echte Herausforderungen stellen.

Schlagloecher

Wir treffen auf eine Schranke aus Bambus und einen Mann, der uns nach einem kleinen Betrag von 5000 Leone (ca. 50 Cent) unsererseits durchfahren laesst.

Meine Kolleg*innen erklaeren mir die Geschichte dazu.

Der Mann war nach dem Krieg (Ende 2002) ein Kind (sie schaetzen 10 Jahre alt), das die ganze Verwandtschaft verloren hatte. Auf sich gestellt hat er begonnen, die Schlagloecher zu mit einer Schaufel zu flicken und befahrbar zu machen.

Dafuer bezahlen die Durchfahrenden einen kleinen Betrag ihrer Wahl.

Bis heute bestreitet er so seinen Lebenunterhalt
– eine Geschichte, die mich sehr beruehrt hat.

Sigi

 

Kleider machen Leute

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Die fast perfekte Tarnung bot mir dieses Kleid in Yonni, einer Gemeinde in der suedlichen Provinz in Sierra Leone – ein von Farming gepraegte Gegend – sehr begehrt bei internationalen Firmen, siehe Palmöl, FIAN und Salone. Die dortigen ‚Facilitators‘ von SLADEA erzaehlten mir von ihren Teilerfolgen. Durch ihre Kurse zu ‚Literacy‘ und ‚Land Issues‘ haben sie erreicht, dass die Chiefs selbst Verhandlungen mit Firmen fuehren koennen und ungefaehr in der Haelfte des Distrikts ist das Land deshalb weiter in den Haenden der dortigen Bevoelkerung.

Aber zurueck zum Thema Kleidung. Obiges Kleid wurde mir im  SLADEA Center in Makeni genaeht – in der Schneiderei eines ehemaligen Schuelers. Die dortigen Lehrkraefte sind stolz auf jede*n, dem oder der es nach der Ausbildung gelingt, ein ‚Small Business‘ aufzumachen oder eine Anstellung zu bekommen. Die Stoffe und Designvorschlaege seiner Schneiderei waren so ansprechend, dass sich fast unser ganzes Team neu einkleiden liess. Das ging sehr flott. Zu Beginn unseres Aufenthalts wurden wir vermessen. Nach 2 Tagen kurz vor unserer Abfahrt war alles fertig.

Die Ausbilder*innen bekommen ihren Job in den Zentren bisher nicht bezahlt. Sie sind angehalten ihren Unterricht mit Produktion zu verbinden um damit ihr Einkommen, das Material, Geraete und Nebenkosten zu erwirtschaften. Sie sind im Moment weit davon entfernt, dieses Ziel zu erreichen. Deshalb die Idee, die Produkte durch einen SLADEA Katalog zu bewerben. Die Fotos in der Natur sind unsere ersten Uebungen dafuer. Der Katalog soll sich durch interessante Fotos in verschiedenen Kontexten mit kleinen Hintergrundgeschichten von anderen abheben, so der Plan unseres Filmemachers und Fotographen Alarini (siehe ‚Empowering SLADEA‘).

Kleidung aus traditionellen Stoffen genaeht in Naehstuben wie im Bild oben sind sehr begehrt. Zu Festen und besonderen Anlaessen werden spezielle Kleider genaeht. Fuer unsere Konferenz zum 40 jaehrigen Jubilaeum von SLADEA im Dezember wird jetzt gerade ueber Farbe und Design fuer das Outfit der Teilnehmenden diskutiert. Obwohl viele unserer Mitglieder sehr gering verdienen oder arbeitslos sind, wollen sich trotzdem alle einheitlich kleiden und muessen das selbst finanzieren.

Auch die gesellschaftliche Regel, Freitags moeglichst traditionelle afrikanische Kleider zu tragen, wird sehr gern befolgt.

Trotz der Liebe zu traditionellem Outfit blueht der Altkleidermarkt. Es ist unglaublich, wie sich die Kleider- und Schuhberge auf den Maerkten aufhaeufen. Eindruecke vom Schuhmarkt in Freetown:

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Ihr seht, ich hab die Funktion ‚Diashow‘ entdeckt :-).

Meine Kolleg*innen sagen mir, dass die Menschen in Sierra Leone in der jetzigen wirtschaftlichen Lage darauf nicht verzichten koennen:

  • Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn betraegt hier 500 000 Leone = ca 50 Euro pro Monat und als Beispiel: Meine Freundin Alice, die Gundschulrektorin, bekommt 700 000 Leone.
  • Ein gebrauchtes Hemd auf dem Altkleidermarkt kostet ca 20 000 Leone, ein traditionelles im Land genaehtes 150 000 Leone.
    Diese Zahlen sprechen fuer sich.

Die Kolleg*innen sagen weiter, diese Situation sollten wir in unserer Bildungsarbeit zum Thema Kleidung in Deutschland bedenken. Verlockt das die Globales Lernen Kolleg*innen vielleicht, einen Kommentar zu schreiben?

Gunther und ich staerken natuerlich die lokale Kleiderproduktion durch fleissiges Naehen lassen von Hemden und Kleidern.  Persoenlichen Dank an Gundula, die mir geraten hat, nicht ihre afrikanischen Kleider mitzunehmen, sondern vor Ort naehen zu lassen :-). Gunther salone man hat einen deutlichen Vorsprung, aber ich werde aufholen …

Sigi

Plastik Recycling – nicht nur Pflastersteine …

Die Idee des Plastik Recyclings von Alpha ist Teil eines weltweiten Think-Tanks mit dem Ziel, aus Plastikmuell Baumaterial zu produzieren.
Ich habe angefangen zu recherchieren, um weitere Ideen fuer die Ausbildungszentren von SLADEA zu bekommen.

Schaut mal hier:

Pflastersteine und Haeuser aus recyceltem Plastik in Indien

Haeuser mit Mauersteinen aus recyceltem Plastik in Kolumbien

Haeuser aus Plastikflaschen in Honduras

Haeuser aus Plastikflaschen in Nigeria

Haeuser, Gewaechshaeuser und Wassertanks aus Plastikflaschen weltweit

Strassen aus recyceltem Plastik in Holland

Es ist faszinierend, welche Moeglichkeiten sich eroeffnen.

Ich freue mich schon, wenn sich Alphas Geschaeftsmodell der Pflastersteineproduktion hier in Sierra Leone verbreitet.

Darueber hinaus hat Sierra Leone aber auch genuegend Plastikflaschen, um alles Moegliche zu bauen.

Meine Freundin Alice, Grundschulrektorin, hat schon damit angefangen.

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Gespraeche mit Alice (Bildmitte), die mir einen Krio Vornamen gegeben hat: Onike

Sie will aus Plastikflaschen auf ihrem Schulgelaende Blumen- und Gemuesebeete umranden. Dazu tauscht sie sich mit ihrer Partnerschule in England aus. Das Thema nachhaltige Muellverwertung und Recycling liegt ihr sehr am Herzen. Ihre Schueler*innen sammeln und trennen Muell in den Klassenzimmern und basteln daraus z. B. Blumen aus Papier fuer den Valentinstag.
Darueber hinaus engagiert sie sich im Sinne der SDG, vorher MDG, auch in Lehrplankomissionen in Sierra Leone.

Es macht Freude mit ihr darueber zu diskutieren und zu ueberlegen, wie die SLADEA Bildungszentren von ihrer Erfahrung profitieren koennen.

Sigi

Plastikmuell + Sand = Pflastersteine + Einkommen

Ueber Muell und seine Beseitigung in Sierra Leone haben wir in unseren Blogbeitraegen schon Einblicke gegeben. Vor allem der Plastikmuell ist allgegenwaertig. Plastikwassertueten, Plastikgetraenkeflaschen, Einkaufstueten in allen Farben und vieles mehr praegen das Bild der Strassen vor allem in den groesseren Staedten, aber oft auch in den Doerfern auf dem Land.

Wenn nicht am Cleaning Day gesammelt und auf den Muellhalden verbrannt, nimmt das Plastik seinen Weg ueber das Abwasser in die Fluesse und Baeche ins Meer und endet schliesslich als Mikroplastik verschluckt von Meerestieren in unserer Nahrung.

Schon bevor ich zu meinem Besuch im Education Centre in Makeni aufgebrochen bin, haben mir meine Kollegen angekuendigt, dass ich dort unbedingt mit Alpha Omega (Vorname), einem ehemaligen Schueler und Mitarbeiter des Zentrums, sprechen sollte. Produkte aus Recyclingmaterial herzustellen und in die Ausbildung zu integrieren sind Ideen, die schon in den anderen Zentren Anklang fanden, wie beispielsweise in Bo, siehe ‚Empowering SLADEA‘.

Alpha hat mir vor Ort seine Geschichte erzaehlt und seine derzeitige Beschaeftigung mit Plastikmuell gezeigt. Vor Jahren hatte er eine SLADEA Fortbildung zum Thema Recycling besucht, die ihn motiviert hat, neue Wege im Bereich Plastikrecycling zu beschreiten.

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Alpha Omega verarbeitet Plastikmuell aller Art.

Eine Idee hat er nun zu seinem Hauptgeschaeftsmodell gemacht.

Plastikmuell + Sand = Pflastersteine + Einkommen

Um das zu verstehen, besuchten wir die oertliche Muelldeponie, die 2018 vom Makeni City Council in Partnerschaft mit der Welthungerhilfe angelegt wurde.

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Eingangsschild: Construction of controlled Waste Disposal Site

Das Verfahren ist verblueffend einfach. Hier die Bildergeschichte:

Alpha und sein Team produzieren diese Steine auf der Muelldeponie und verkaufen sie zum Preis von 5000 Leone (ca 50 Cent) pro Stueck.

Durch die Kooperation mit der Community Makeni hat Alpha Omega nun ein sicheres Einkommen und ist sehr daran interessiert, seine Kenntnisse an andere Ausbilder der Zentren von SLADEA weiter zu geben, damit sich die Idee ueber die Zentren verbreitet.

Sigi

Movie-time

Cry Freetown

Wer etwas über die jüngere Geschichte Sierra Leones und das Trauma des Bürgerkriegs und den Geschehnissen in Freetown erfahren möchte, dem empfehle ich die Dokumentation von Sorious Samura. Er hat den Mut gehabt und das “Kunststück” fertiggebracht, die Geschehnisse in Freetown sowohl auf Seite der Rebellen als auch später auf Seite der ECOMOG-Truppen (internationale Peacekeeping-Truppe der ECOWAS-Staaten, hauptsächlich aus Nigeria) mit seiner Kamera zu dokumentieren und zu überleben.

Allerdings sollte man/frau darauf gefasst sein, ein Ausmaß an Gewalt von beiden Seiten in einer Deutlichkeit gezeigt zu bekommen, die die Grenzen des Erträglichen überschreiten kann.

www.youtube.com/watch?v=Uu4jWN3B1Vg

 

 

Don Bosco Fambul

Und ganz aktuell gibt es einen Beitrag von BBC Worldwide zur Arbeit von Don Bosco Fambul im Bereich der Straßenprostitution junger Mädchen (Ich komme jeden Morgen und Abend an ihrem Headquarter und Wohnheim für Straßenkinder vorbei und gehe an dem auf abenteuerliche Weise geparkten grünen Bus entlang). Nach dem erklärten Ende der Ebola-Krise ist eine deutliche Zunahme der Zahl junger Prostituierter festzustellen.

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Links, aus Sicht des Busses, das abgesicherte Don Bosco Wohnheim. Auf der rechten Seite der Bus-Parkplatz im Anschluss an die Mauer bei den Sesseln (da ist eine Schreinerwerkstatt). Der Bus steht auf Fort Street, auch mein Weg zu und von der Arbeit in Hill Street

Freunde von uns haben Kontakt zu einem Ärzte-Ehepaar, das zweimal im Jahr mehrere Wochen im Freetowner Gefängnis und bei Don Bosco Fambul medizinische Unterstützung leistet. Wir hoffen sie bei ihrem nächsten Aufenthalt in Sierra Leone kennenlernen zu dürfen.

www.bbc.com/news/av/world-africa-48342229/sierra-leone-what-is-life-like-for-the-prostitutes-of-freetown

So unterschiedlich die beiden Thematiken sind, es gibt einen gemeinsamen Nenner, der, glaube ich, für viele afrikansiche Länder gilt:

Wenn das soziale Netz der Familie zerstört wird, ob durch Krieg und gezielte Aktionen der Rebellen oder durch Krankheit, fallen junge (und alte) Menschen in ein abgrundtiefes Nichts. Aufgefangen werden sie nur, wenn sie Glück haben, durch humanitäre NGOs wie Don Bosco Fambul und andere.

Gunther

Let us call it a green zone …

Unterwegs nach Bonthe (eine Insel, auf der sich eines der Community Education Centres von SLADEA befindet – dazu mehr spaeter), hab ich viel gesehen und erlebt.

Nach dem wir durch laendliche Gebiete fuhren, in denen weniger erfreuliche Beobachtungen machen konnten:

Bild links: Palmoelplantagen, von denen in Gunthers Beitrag Palmöl, FIAN und Salone die Rede war,
Bild rechts: negative Auswirkungen des Abbaus von Rutile (https://en.wikipedia.org/wiki/Rutile) – ueberschwemmte Gebiete die nicht renaturiert und fuer die Landwirtschaft nicht mehr nutzbar sind,

machten wir Rast auf einer Farm. Sie gehoert Verwandten unseres Finanzbuchhalters.

Wir dachten, diese Farm sollte zu einer green zone erklaert werden und wir wuerden gerne unser Buero hier hin verlegen – eine heile Welt inmitten der Auswirkungen von Landgrabbing und Mineralabbau durch internationale Firmen.

Hier einige Eindruecke:

Oelpalmen, Mangos, Kokosnuesse und vieles mehr werden hier produziert und verkauft. Zudem wir wurden reich beschenkt:

Die Avokado war ein besonderes Geschenk meines Kollegen und Finanzbuchhalters Abu Keindeh. Viele Saecke mit Fruechten und Produkten (Kasava, Zuckerrohr, Mangos, Avokados …) wurden in unser Auto geladen. Das gemeinsame Essen schmeckte hervorragend: Reis oder Kasava mit Fisch oder Fleisch und gekochten Ei.

Nachdem wir uns gestaerkt und ausgeruht hatten, waren wir wieder fit fuer die Reise und auch den hektischen und nicht so idyllischen Alltag in Freetown.

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Good Morning Reverend, uncle and aunt ….

… das war die Begrüßung für uns in jedem Klassenzimmer beim Besuch der Vision Academy von Mr. Chairman SLADEA Bo. Namen merken ist ganz schwierig, weil traditionell Titel, also Reverend oder Mr. Chairman, zum Ansprechen verwendet werden. Mr.Chairman ist ausgebildeter Englisch- und Religionslehrer für Secondary School und arbeitet auch an einer Schule in Bo. SLADEA-chairman ist er ehrenamtlich.

Er hat uns in seine Schule, wirklich von ihm gegründet und von seiner Frau geleitet, eingeladen. Er hat sie in direkter Nachbarschaft seines Wohnhauses mit Unterstützung eines amerikanischen Ehepaares (ich nehme an, es gibt da eine kirchliche Verbindung) gebaut und die voll gepackten Klassenzimmer (in einem wurden 3 Klassen parallel unterrichtet) lassen auch den Bedarf für Schulen erahnen.

Die Lichtverhältnisse zeigen die folgenden Bilder ohne Blitz. Gerade waren Klassenarbeiten, quarterly exams, angesagt, die natürlich für den prominenten Besuch unterbrochen wurden. Fragen waren, mangels Kopiermöglichkeiten, an die Tafel angeschrieben und werden mit den Antworten in das exercisebook übertragen, korrigiert und benotet wieder zurückgegeben. Damit ist der ganze Lernfortschritt inklusive Unterrichtsstoff in diesem exercisebook nachzulesen (wenn es nicht verloren geht).

Primaryschool bedeutet 6 Jahre, Standard 1 bis 6, und anschließend Junior Secondary School 3 Jahre, JS1 bis 3, Unterricht. Danach folgen noch 3 Jahre Senior Secondary School, SS1 bis 3. Danach wollen alle, die es geschafft haben, studieren.

Die Jüngsten an der Schule besuchen die Pre-School. Eine zutreffende Bezeichnung. Auch hier trägt jede*r schon eine Schuluniform und Spielsachen oder nur so Spielen sind nicht angesagt. Es geht vielmehr um die Vorbereitung auf einen geregelten Schulalltag mit Stundenplan, Lernen durch Nachsprechen im Chor (das Alphabet z.B.) und ruhig Sitzen in der Bank. Die ganz Mutigen sind trotzdem auf uns zu gekommen und haben diese fremden Wesen mal angefasst, überall sind wir mit großen Augen angeschaut worden. In diese Ecke Bos verirren sich nicht sehr viel Weiße.

IMG_4275Am liebsten wäre ich gleich geblieben und hätte an der Schule mitgearbeitet. Ich hatte zum ersten Mal Entzugserscheinungen als Lehrer. Zudem diese Schule noch einen besonderen Auftrag für sich sieht. Gleich als wir den kleinen Schulhof betreten hatten, sahen wir im Bereich der Pre-School einen geistig und körperlich behinderten Jungen sitzen. Diese Kinder werden normalerweise „weggesperrt“. Mr. Chairman und seine Frau haben ihn deswegen in der Schule aufgenommen, er trägt Schuluniform und wird betreut, auch im Rahmen seiner Möglichkeiten unterrichtet. Vor allem aber ist er für alle anderen Schüler*innen ein Beispiel, dass er dazu gehört und Behinderung nicht zum Ausschluss von Menschen führen sollte. Bo und Makeni – Vorbilder für Inklusion nicht nur in Sierra Leone.

Gunther