Samstag, 6.Juli 2019, erster Samstag im Monat, also, wie schon erwähnt, cleaning day.
Zusätzlich gab es an diesem Tag lang anhaltende, intensive Regenfälle, und ich stand am frühen Nachmittag auf einem unserer Balkone, um die reißenden Fluten des kleinen Gebirgsbachs, der sich auf dem Nachbargrundstück immer bildet, zu beobachten.

Da flog aus dem Stockwerk unter uns eine leere Plastikflasche in hohem Bogen über die Grenzmauer und landete, wie geplant, in den Fluten zur Entsorgung. Schade, dachte ich, weil Alhaji alle unsere Flaschen sammelt und bei der Abgabe an einer Sammelstelle zum Recycling einen kleinen Zusatzverdienst bekommt.
Die Flasche war aber nur der Anfang. Es folgten noch zwei große Plastiktüten voller Müll. Die Tatsache, dass alles im Bach landete, war für mich Beleg dafür, dass da jemand gut geübt war in dieser Form der Müllbeseitigung. So wie diejenigen, die direkt an diesen Regen-Wasserläufen wohnen, ihren Müll kontinuierlich in den Graben kippen. Beim nächsten Regen ist er weg und “entsorgt”.

Die Folgen konnte ich dann am Montag bei der Fahrt zu unseren Büros beobachten. Im ganzen Stadtteil gab es nicht eine Straße, die nicht überflutet gewesen wäre. Der Müll in Kombination mit der ganzen Erde, die aus den Berghängen ausgeschwemmt wird, verstopft die seitlichen Abwasserrinnen an den Straßen, diese laufen über und das Erde-Müll-Gemisch verteilt sich auf der Straße. “Weil die Rinnen viel zu klein sind.” ist die meist gehörte Meinung der Müll-in-den-Graben-Werfer.
Bei einer Internet-Recherche zur Regenwaldzerstörung in Sierra Leone bin ich auf zwei Filme zum Thema Besiedlung und Umwelt in Freetown gestoßen,die sehr informativ sind. Der große Erdrutsch ist direkt bei uns um die Ecke im Nachbartal passiert und als Mahnmal überdeutlich zu erkennen. Und auch die Zustände in den Slums von Freetown kann man sehr gut beobachten, wenn man über die Brücken der Stadt darüber hinweg fährt.
https://www.youtube.com/watch?v=dvTmqnVpSng Freetown environment
https://www.youtube.com/watch?v=OmW3S1rTwX0&app=desktop mudslide
Samstag, 3.8.2019, wieder cleaning day. Die Tage zuvor schüttete es ohne Ende und speziell Freitag wäre ich nicht aus dem Haus, wenn nicht eine wichtige Sitzung zum International Peace Day terminiert gewesen wäre. Schon die Teilnemer*innenzahl war wettergemäß sehr reduziert, weil das Haupttransportmittel Motoradtaxi nicht mehr unterwegs war, und während der Sitzung erreichten uns aktuelle Bilder von Straßen in Freetown, die völlig unter Wasser standen und reißenden Flüssen durch die Stadt bergab Richtung Meer. Wir nutzten dann die erste Glegenheit, bei der der Regen etwas nachließ, um mit den zur Verfügung stehenden Landcruisern alle Kolleg*innen sicher in die Stadt zu bringen.

Bei mir fuhr Aminata, eine Radiojournalistin von Culture Radio Sierra Leone mit: „Das passiert jedes Jahr und wir alle in Freetown wissen warum. Jede*r wirft seinen Müll in die Wassergräben und Straßendrainagen bis alles verstopft ist und überläuft“.
Als ich oben am Berg im Ibrahim Drive ankam, war gerade die Tochter aus einem der Nachbarhäuser mit diversen Plastiktüten trotz, oder besser gerade wegen, strömenden Regens unterwegs. Der ganze Müll und weitere 3 Mülltransporte landeten in dem reißenden kleine Strom, der hier am Haus vorbei bergab führt. Am Samstag hätte man/frau alles nur oben an der Hauptstraße abstellen müssen und es wäre von der städtischen Müllentsorgung mitgenommen worden.
Bisher war das mit einem Kopfschütteln noch zu ertragen, dieses Mal bekam es einen besonderen Touch: 5 Menschen sind in den Fluten am Freitag umgekommen, ich weiß nicht wieviele der vielen in den Wellblechsiedlungen obdachlos geworden.
Die beiden youtube-Videos zeigen die Zustände am Freitag. Eine der Kreuzungen, die hier völlig unter Wasser steht, hatte ich noch rechtzeitig auf dem Weg zu unserem Treffen passieren können.
https://www.youtube.com/watch?v=GFbhcAJJ-9M
https://www.youtube.com/watch?v=10FRLj1iAYY
Gunther





















Am liebsten wäre ich gleich geblieben und hätte an der Schule mitgearbeitet. Ich hatte zum ersten Mal Entzugserscheinungen als Lehrer. Zudem diese Schule noch einen besonderen Auftrag für sich sieht. Gleich als wir den kleinen Schulhof betreten hatten, sahen wir im Bereich der Pre-School einen geistig und körperlich behinderten Jungen sitzen. Diese Kinder werden normalerweise „weggesperrt“. Mr. Chairman und seine Frau haben ihn deswegen in der Schule aufgenommen, er trägt Schuluniform und wird betreut, auch im Rahmen seiner Möglichkeiten unterrichtet. Vor allem aber ist er für alle anderen Schüler*innen ein Beispiel, dass er dazu gehört und Behinderung nicht zum Ausschluss von Menschen führen sollte. Bo und Makeni – Vorbilder für Inklusion nicht nur in Sierra Leone.